Firmenportrait Running with Scissors / Postal

Kleiner Disclaimer vorweg:

Die Firma "Running with Scissors" und die Spieleserie "Postal" sind äußerst umstritten. Dieser Text beschäftigt sich mit der Geschichte der Firma und die rückblickende Wirkung auf die Spielegeschichte. Er soll keinesfalls als Werbung für die genannten Spiele aufgefasst werden, die in Deutschland teilweise nicht erhältlich sind.  

Heute möchte ich über eine sehr interessante (und reichlich seltsame) Spielfirma reden, die sicherlich nicht alle kennen werden: "Running with Scissors".

Sicherlich kennen viele den warnenden Hinweis von den eigenen Eltern: 

"Kind, laufe nicht, wenn Du Messer oder Schere in der Hand hast".

Oder auch das gute alte: "Messer, Gabel, Schere, Licht...." 😂

Wie kommt man auf so einen Namen? Und welche Spiele hat diese Firma rausgebracht?

Die Antwort lässt sich einem einzigen Wort zusammenfassen: Postal!

Die Postal Serie gehört sicherlich zu den kontroversesten kommerziellen Spielen der gesamten Spielegeschichte. Die Spiele zeichnen sich durch unfassbare Brutalität und einen sehr speziellen Humor aus. Eine deutsche Spielezeitschrift fasste es sehr passend zusammen.

Postal ist "sick entertainment for sick minds"

Postal ist auch die Serie, die als Paradebeispiel herangezogen wird, wenn es darum geht zu erklären, warum es in Deutschland einen "Index" für Spiele gibt. Dort sind nämlich alle Versionen prominent gelistet. Postal erfüllt wirklich alle Kriterien, um auf eben diesem Index zu kommen. 

Das Spiel ist ein einzige explizite Gewaltdarstellung und es geht auch ausschließlich darum, diese Gewalt gegen Menschen auszüben. Sie ist das alleinige Spielziel. Postal führte aber auch in den USA zu diversen Rechtsstreitigkeiten, wo wir bei der Entstehung der Spieleserie und deren Firma sind. 

Hinter Running with Scissors steht Vincent James Desiderio Jr., Sohn einer italienisch stämmigen Familie aus Brooklyn. Und dieser hat eine eher untypische Karriere, bei deren Beschreibung ich euch bitten möchte, immer im Hinterkopf zu haben, das er für eine der brutalsten Spieleserien überhaupt verantwortlich zeichnet. Das erhöht die Fallhöhe nämlich ungemein... (Oh.... er hat "Fallhöhe" gesagt... 😂)

Vince Desi
Quelle: Wikipedia.
Lizenz: CC BY 3.0 / Autor: Alexey Krapukhin

"Vince" wollte eigentlich Lehrer werden, brach aber das Studium ab. Er arbeite dann in diversen Jobs, von Taxifahrer bis Manager eines Aufnahmestudios war alles mögliche dabei. Als er als "Recruiter" an der Wallstreet arbeitete, lernte er Leute von Atari kennen und begann für sie als Consultant zu arbeiten. Kurze Zeit später machte er sich mit einem Kollegen selbstständig, und gründete mit ihm Ende der 80er die Firma "Riedel Software". Diese spezialisierte sich auf Edutainment Spiele unter anderem für Disney und andere Firmen aus dem "kindgerechten" Umfeld (ihr denkt noch an Postal oder? 😂). So kamen von Riedel Software Spiele zur Sesamstrasse, Tom & Jerry, verschiedenen Hanna-Barbera Cartoons und ähnliche Dinge. "Vince" hatte kein großes Interesse am Programmieren, er trat in der Firma als der "Business Man" auf.        

1991, da war Vince schon 39, siedelte die Firma um, und zwar nach Tucson in Texas und arbeitete weiter an kinderfreundlichen Titeln für alle möglichen Kunden (Warner, Disney und Co.).

1996 waren Teile des Teams derart von den Kinderspielen gelangweilt und genervt, das sie sich entschlossen, zuerst nebenbei, genau das Gegenteil zu tun und sich mal so richtig "auszutoben". Während das eine Team an der Spieleumsetzung des Kinofilms "Free Willy" arbeitete, began das andere Team (das 1996 als "Running with Scissors" einen eigenen Unternehmensteil bildete) die Arbeit an Postal.

Vincent James Desiderio Jr, der sich seit dem offiziell "Vince Desi" nennt, sagte zur Entstehung von Postal einmal, das das Team das "most outrageous game" machen wollte, das ihnen möglich war.

Das Titelbild von Postal 1

Im Spiel spielt man nichts geringeres als einen Amoklauf, ein Thema das ja in den USA ein sehr heikles ist. Das Spiel kam 1997 heraus. In dem Spiel muss man mit seiner Spielfigur mit allen möglichen Mitteln alle Menschen eines Levels umbringen und sich dann später mit den Worten "I regret nothing" ("ich bereue nichts") selbst umbringen. Nur so konnte man das Level beenden. Im Spiel selbst standen einem (je nach Level) ein ganzes Arsenal an Waffen zur Verfügung: Von der Pistole zum Maschinengewehr, von der Granate bis zum Flammenwerfer, bei dem die Opfer erst noch brennend durch die Gegend liefen, bevor sie starben. 

Der Wahnsinn beginnt....

Man muss dazu wissen, das es in der Zeit in den USA (und nicht nur da) eine große Diskussion über Gewaltverherrlichung in Spielen gab ("Killerspiel-Debatte"), ausgelöst durch Doom, Quake und Konsorten. Genau in diese Zeit fällt der Release von Postal. Die einen sahen es als Bestätigung, das solche Spiele verboten gehören, andere sahen es als großen Mittelfinger in Richtung eben dieser Bewegung an.  

Wobei Postal 1 jetzt kein Spiel der 3D-Shooterfraktion war, sondern ein spritebasiertes, isometrisches Spiel. Die Gewaltdarstellung und der generelle "Story" des Spiels waren aber schon extrem.  

Aber auch der Name sorgte sofort für Kontroversen und startete einen jahrelangen Rechtsstreit: Postal!

Es gab in der Geschichte einige Amokläufe unter Angestellten des U.S Postal Service, so das "going postal" in den USA ein Slangausdruck für "durchdrehen" bzw. "Amok laufen" ist. Wie man sich vorstellen kann, war der U.S Postal Service nicht glücklich über die Namenswahl des Spiels und die Tatsache, das man im Spiel die Figur des "Postal Dudes" (also den "Typen von der Post") spielt.

Running with Scissors ("RWS") ging sogar soweit, das sie einen Schutz des Markennamens "Postal" für Computerspiele beantragte. Der Chef der US Post ging gegen die Namensrechte vor und reagierte mit einer Unterlassungsklage und einem Verbot, den Namen der Post in Spielen zu verwenden. Der Rechtsstreit ging bis 2003 und RWS bekam das Recht, den Namen zu nutzen.

Als das Spiel 1997 erschien ging ein Aufschrei durch die USA. So sehr, das Senator Joe Lieberman das Spiel als das "schlimmste amerikanische Produkt überhaupt" kritisierte. Die Folge war, das WalMart und CompUSA, die beiden größten Handelsketten, das Spiel nicht verkauften. 
Trotzdem verkauften sich in der ersten Woche 10.000 Stück in den USA, in Europa waren es 100.000.

Running with Scissors war durch das Medienecho verwundert und belustigt. Vince Desi sagte dazu einmal, das Team konnte gar nicht glauben, das das Spiel so ernst genommen wurde. Sie dachten, die Thematik und die völlig übertriebene Gewalt würden klar als Satire verstanden werden, eben weil alles so total "over the top" war.  

Die Zeitschriften der Zeit gaben dem Spiel gemischte aber durchaus wohlwollende Wertungen, einige verstanden den völlig übertriebenen Ansatz und Humor des Spiels, das rein vom Gameplay her, kein vollkommen Schlechtes war (aber auch kein Meisterwerk).

Das RWS gern provozierte zeigte nicht nur das Spiel an sich, sondern auch der weitere Umgang. Für die EU-Version wurde das Level "Elementary School" herausgenommen, weil es schon damals Amokläufe an Schulen gab. Allerdings veröffentlichte RWS dieses Level bzw. diese Sequenzen auf der Webseite als offiziellen Uncut Patch mit dem Namen "Euro Violence". So hatte man quasi ein "gekürztes" Spiel zur Prüfung eingereicht und es hinterher per Patch "komplettiert".      

2003 kam dann Postal 2 und toppte den 1. Teil nochmal was "kranke Ideen" anging. 

Beim 2 Teil handelt es sich um eine 3D-"Open World". Man lebt mit seiner Frau, die nur als "the Bitch" bezeichnet wird, in einer Stadt namens "Paradise". Alle anderen Personen im Spiel gehen einem Tagesgeschäft nach.

Postal 2

Jeder Level repräsentiert einen Tag, und jeden Tag bekommt man Aufgaben, die zu Erfüllen sind. Das sind oft sehr triviale Dinge wie "kaufe Milch" oder "gehe in die Kirche und beichte". Das Spiel macht einem diese Aufgaben dann aber schwer, weil man fast immer provoziert wird und es nicht einfach ist, ruhig zu bleiben. 

Das Spiel beschreibt explizit, das man die Aufgaben mit oder ohne Gewalt lösen kann. In der Spielebeschreibung steht folgendes dazu: "Remember, it is only as violent as you are!". 😁

Und das war dann auch die augenzwinkernde Entschuldigung von Running with Scissors bei Kritik:

"Das Spiel ist gewaltfrei lösbar - was können wir dafür, wenn unsere Kunden so gewalttätge kranke Typen sind???" Ihr wisst schon.... Waffen töten keine Menschen, Menschen tun das...... 

Im Spiel gab es allerlei verbale und physische Grausamkeiten. 
Legendär sind die Möglichkeiten des "Dudes". Man konnte seinen Hund abrichten, Menschen anzufallen und zu töten, man konnte (sorry, aber es war so) Katzen auf die Gewehrläufe stecken und als Schalldämpfer nutzen oder auf Menschen (leben oder tot) urinieren. Lebten die Opfer, übergaben sie sich sofort. Dazu gab es immer wieder lakonische Kommentare des "Dudes".

Der "Postal Dude"

Man hatte ja schon viele brutale Action-Spiele wie Doom gesehen, aber Postal 2 trieb es, vielleicht gemeinsam mit dem etwa zeitgleich erschienenden Manhunt, auf die Spitze. Eine derartige 3D-Gewaltorgie hatte man noch nicht gesehen.

Zudem machte RWS weiter mit diversen Provokationen, so hieß z.B. der einfachste Schiwerigkeitsgrad in der US-Version von Postal 2 "Lieberman Mode". Benannt nach Senator Lieberman, der den 1. Teil so heftig kritisiert hatte (siehe oben).

Die Bewertungen der Zeitschriften reichten (und das ist kein Scherz!!) von 0% bis 100 %.

Die Computer Gaming World (0%) schrieb, wörtlich, folgendes Fazit:

"Solange niemand Syphilis in Packungen an Endkunden verkauft, ist Postal 2 das schlimmste Produkt, das je an Kunden vertrieben wurde."

Die Game Industry News (100%) schrieb: 

"Das Spiel hätte auch hohe Wertungen ohne die verrückte Gewalt erhalten. Das Spiel ist gut gemacht und es wird wohl niemand sagen, das es nicht das Geld wert ist. Solange er vorher von der zu erwartenden Gewalt Kenntnis hat". 
Die Zeitschrift schließt mit dem Satz: "Du wirst vermutlich eine großartige Zeit mit dem Spiel haben, dich aber hinterher etwas schmutzig fühlen".

Das Spiel wurde in mehr als 10 Ländern verboten, neben Deutschland auch in Australien und Neuseeland.  

Der allgemeine Tenor war fast wortgleich mit dem 1. Teil. Ein technisch gut gemachtes Spiel, das die Grenze jeden guten Geschmacks mit Leichtigkeit überspringt (Power Play). Aber da diese Grenze für jeden Spieler individuell ist, wurde das Spiel nicht überall in Grund und Boden kritisiert.      

Es folgten Postal 3 und Postal 4, auf die ich nicht weiter eingehe. 

Die Firma Running with Scissors gibt es bis heute, auch mit dem CEO Vince Desi. Sie hat in 26 Jahren genau vier Spiele herausgebracht und diese mit etlichen Add-Ons erweitet und als Varianten in anderen Regionen veröffentlicht. Alle diese Spiele heißen Postal. Zwischendurch angedachte andere Projekte wurden jeweils eingestellt.

Auch heute scheiden sich die Geister an Postal: Für die einen ist es der Untergang des Abendlandes, für die anderen schlicht Kult. 

Fazit:
Ich gebe zu das ich beide Spiele legal gekauft habe (in der kurzen Zeit, in der sie in Deutschland im Handel waren). Aber ganz ehrlich: Exzessiv gespielt habe ich beide nicht, es waren eher "krasse Sammlerstücke". Denn wirklich gute Spiele sind es definitiv nicht, besonders nicht im Vergleich zu den Top-Titeln aus der damaligen Zeit.
Heutzutage sind sie ein besonders markantes Relikt aus der Zeit der Killerspiel-Debatte. Letztendlich ist die Postal Serie gemacht um zu provozieren und um dadurch einen, eher fragwürdigen, Erfolg zu haben. Man hat absolut nichts verpasst, wenn man sie nicht gespielt hat.     

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

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