Anno 1602

 

Heute bespreche ich ein Spiel, das mich Ende der 90er sehr geprägt hat und das ich bis heute gern spiele: Anno 1602. Das Spiel wurde 1998 als Gemeinschaftsproduktion von der österreichischen Firma Max Design und Sunflowers aus Deutschland veröffentlicht. 

Es war der Start der sehr erfolgreichen Anno Serie und ist, zumindest für mich, auch heute noch der beste Teil. Warum, dazu komme ich später.

Anno 1602 ist ein typisches Aufbauspiel in einem typisch deutsch/europäischem Grafikstil. Als deutschen Wettbewerber gab es damals vorwiegend die Siedler Serie, die ich persönlich allerdings überhaupt nicht mag. International gab es schon damals eine Reihe Aufbauspiele, nicht zu letzt natürlich SimCity, Caesar und einige andere Titel. 

Anno kommt aus Deutschland und Österreich und ist auch sehr auf diese Zielgruppe zugeschnitten, denn das Setting, das eher in einer Renaissance Vergangenheit spielt, trifft sehr den Geschmack der deutschen Zielgruppe. Amerikaner haben es da gern ein Tick moderner und haben nicht den Drang, Spiele in der Vergangenheit zu spielen.


Wie der Name und das sehr coole Intro schon aussagen, spielt man eine Gruppe Siedler im Jahr 1602, die eine neue Welt besiedeln. Diese besteht aus mehreren Inseln, die es zu besiedeln gilt. Das Spiel kann in einem Kampagnen Modus oder als "freies Spiel" ohne konkretes Spielziel angegangen werden. Ich bevorzuge klar das freie Spiel.

Die Insel in der rausgezoomten Draufsicht

Mit von der Partie sind einige Computergegner, die ebenfalls die Inseln der, zufallsgenerierten, Welt besiedeln wollen. Zu Anfang hat man ein Schiff und fährt von Insel zu Insel um einen geeigneten Platz zum Aufbau einer Stadt zu suchen. Die ideale Insel besteht aus einer Mischung aus Grün- und Waldland, Wasser in Form von Flüssen aber auch aus Hügeln und Bergen, die Rohstoffe wie Erz und Gold versprechen. Vor der Besiedlung kann man eine Art Expertise der Insel erstellen, um zu sehen, was die Insel an Rohstoffen und an Anbaumöglichkeiten zu bieten hat. 

Hat man das passende Stück Land gefunden, baut man erstmal ein Kontor und das Spiel geht los. Man lagert einige der im Schiff gelagerten Waren ein, um die ersten Bauten vornehmen zu können.

Diese sind in der Regel, wie bei Aufbauspielen üblich, Wohnhäuser für die Bevölkerung, Wege, eine Jagdhütte sowie eine Fischerhütte zur ersten Lebensmittelversorgung. Wichtig ist auch ein Holzfäller, da natürlich erste Gebäude aus Holz gefertigt sind. Mit zunehmendem Spielverlauf folgen landwirtschaftliche Betriebe, Marktplätze und erste kleine Handwerksbetriebe wie z.B. einen Bäcker oder Schlachter.

Ein Schlachter samt Einzugsgebiet

Die Bevölkerung wächst mit der Zeit, die Insel wird immer weiter besiedelt. Nach und nach wachsen die Ansprüche der Bevölkerung, ja sie verlangen nach gewissen Dingen, sei es Alkohol oder andere Güter. Zudem gehen irgendwann wichtige Güter wie "Werkzeuge" (die man auf dem Schiff mitgebracht hatte) zur Neige. Ohne diese stockt jedoch der weitere Aufbau. Es ist also an der Zeit, möglichst viele Waren selbst herzustellen, statt sie bei vorbeifahrenden Händlern einzukaufen.

Die Hauptaufagbe im Spiel besteht darin, Lieferketten für seine Bevölkerung aufzubauen und am Laufen zu halten. Diese sind zu Anfang noch recht simpel: Ein Jäger erlegt Tiere, verarbeitet sie und bietet sie auf dem Marktplatz als Nahrung der Bevölkerung feil. Gleiches gilt für den Fischer.
Für eine Bäckerei braucht man schon etwas mehr: Erstmal braucht es eine Getreidefarm. Der Bauer liefert das Getreide an eine (Wind- oder Wasser-) Mühle, die daraus Mehl herstellt. Dieses wird an die Bäckerei geliefert, die daraus Brot backt, das dann wieder zu Markte getragen wird. Ähnliches gilt für die Fleischproduktion, ein lebendes Rind auf dem Markt, macht die normalen Bürger nicht satt... 😁

Hier läuft eine Produktionskette nicht mehr....

Richtig komplex wird es dann bei Industrien, die meist mehrfache Rohstoffbedarfe haben. Wichtig ist immer Holz, aber auch eine Erzmine und eine Schmiede. Aus Holz und Erz werden in der Schmiede Werkzeuge, die man für diverse Bauten benötigt. Baut man statt der Schmiede später eine Erzschmelze, kann man Eisen herstellen und über einen Musketenbauer bzw. eine Kanonengiesserei in die Waffenproduktion einsteigen, um seine Stadt gegen Überfälle zu verteidigen. 

Im späteren Spiel ist das Bevölkerungslevel dann recht hoch und wirklich anspruchsvoll: Alkohol, Kakao, edle Stoffe, Kleidung und Schmuck verlangt die gierige Bande... 😂

Das Spiel verläuft über lange Zeit komplett friedlich, man baut seine Stadt und seine Produktionsketten nach Herzenslust aus und erfreut sich am Geschaffenen. Anno 1602 war (zusammen mit Siedler) eines der Spiele mit wunderschönem "Wuselfaktor". Die Stadt lebt nämlich, man kann dem Jäger, dem Fischer und allen anderen bei der Arbeit zusehen. Hübsch animiert sieht man, wie der Bäcker Mehlsäcke schleppt und seine Waren per Handkarren zum Markt bringt. Man konnte stundenlang zusehen, einfach schön. 

Hier gibt es schon Bürgerhäuser, Kaufleute und eine entstehende Stadtmauer

Ich spiel das Spiel immer als "Endlosspiel" also ohne Ziel, es gibt aber auch eine umfangreiche Kampagne. Da ich eher pazifistisch unterwegs bin, bleibe ich friedlich und baue einfach meine Stadt aus. Das bedeutet nicht, das ich mich im Endgame nicht zu verteidigen wüsste. Irgendwann liefern die Ziegeleien nämlich nicht mehr nur Steine für Gebäude, sondern auch für Stadtmauern. Eine mittelalterliche Stadt wirkt doch erst "fertig", wenn sie von einer großen Stadtmauer mit Türmchen und Toren umgeben ist, oder?

Habe ich meine Stadt komplett ausgebaut (also die Insel komplett erschlossen) dann geht es auf Nachbarinseln weiter, die ich als "Rohstoff- oder Produktionskolonien" für meine Hauptinsel nutze. Auf Letzterer folgenden dann inkrementielle Verbesserungen, es gibt immer was zu tun. Die Stadt wächst nämlich intern weiter und entwickelt sich. Mit zunehemem Bevölkerungslevel und deren Zufriedenheit werden aus einfachen Holzhütten erst kleine Fachwerkhäuser und später dann große Bürgerhäuser/Stadthäuser. Die Bevölkerung wächst dadurch, wird aber auch, wie gesagt, anspruchsvoller. 


Der, quasi optionale, Kriegspart des Spiels ist zwar auch fordernd, macht aber nur einen kleinen Teil des Spiels aus. Die Hauptaufgabe ist der Aufbau und die Verwaltung der Stadt. Am meisten Stress macht das Aufrechterhalten von Produktionsketten, denn diese brechen immer mal wieder zusammen, weil ein Rohstoff grade nicht verfügbar ist. Gibt es z.B. ein Problem mit dem Holzfäller ist in der Schmiede, "der Ofen aus", was die weitere Bautätigkeit behindert, weil Werkzeuge fehlen. Gleiches gilt für die Waffenbetriebe. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. 

Die Produktionsketten müssen einem als Spieler "in Fleisch und Blut" übergehen, zumal man sie mehrfach aufbauen muss, denn jeder Produktionsbetrieb/Wohnahaus hat ein gewisses Einzugsgebiet, es reicht also nicht einen Bäcker zu bauen.....

Außerdem muss man sich ums Seelenheil der Bevölkerung kümmern, Kirchen sind notwendig.

Die oben erwähnen "Bevölkerungslevel" gliedern sich in 5 Stufen mit entsprechenden Bauten und Bedürfnissen:

Pioniere (Holzhütten, Grundbedüfnisse wie Nahrung)

Siedler (Fachwerkhäuser, Zur Nahrung kommen Stoffe als Bedürfnis)

Bürger (Steinhäuser, bei Versorgung mit Alkohol und Tabak oder Gewürzen werden Siedler zu Bürgern)

Kaufleute (Patrizierhäuser, hier sind Nahrung, Stoffe, Alkohol, Tabak/Gewürze Pflicht!)

Aristokraten (Villen, hier muss man schon für alles sorgen, auch für Schmuck, Kakao und ähnliche Luxusgüter)

Mit zunehmender Stufe steigt auch der Steuersatz, den man den Bürgern abknöpfen kann, die Stadt wird also immer reicher durch "bessere" Bürger. 

Letztlich hat man, auch im Endgame, immer eine Mischung aus den letzten 4 Bürgerschichten in der Stadt. Um alle Bürger zu Aristokraten zu machen, hat man in der Regel nicht die Rohstoffe, man freut sich schon über einen hohen Bürger/Kaufleute Anteil. Letztendlich entsteht so eine recht glaubwürdige Gemeinde mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen. 

Stichwort Realismus: Das Spiel ist recht realistisch, was die Produktionsketten angeht und auch optisch entsteht mit der Zeit eine recht ansprechende mittelalterliche Stadt mit Stadtmauer, gepflasterten Strassen kleinen Plätzen, Kirchen, Markthallen und so weiter. Sehr hübsch. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Die Strassen verlaufen immer rechtwinklig, die Gebäude sind auch jeweils rechtwinklig.  

Besonders hervorzuheben ist auch die sehr gelungene Musik des Spiels, die sehr angenehm mit der Thematik spielt. Auch die kleinen Zwischensequenzen, die bei bestimmten Ereignissen ablaufen, sind sehr hübsch gemacht.

Das Spiel war ein enormer Erfolg - in Deutschland. 

Das, fast schon ikonische, Anno 1602 Cover (hier als "Königs-Edition")

Wenn man sich Tests durchliest bemerkt man, das das Spiel in Deutschland gefeiert wurde, in anderen Ländern wurde das Spiel hingegen deutlich schlechter bewertet. Von den 3 großen deutschen Zeitschriften (PC Player, PC Joker und Power Play) gab es jeweils 80er Wertungen, in den großen US Zeitschriften IGN und CGW keine 60%. Das Szenario einer mittelalterlichen Stadt ist für Amerikaner "weird", diese haben es gern moderner, also eher in einem Zukunftssetting. Es ist einfach ein "deutsches" Spiel für eben diesen Markt.

Anno 1602 war über viele Jahre das erfolgreichste Spiel aus deutschsprachiger Produktion. Die Verkaufszahlen zeigen ganz klar den Fokus. Von den bis September 2004 verkauften 2,5 Mio Exemplaren waren 1,7 Mio in Deutschland, ein Großteil der weiteren 800.000 verteilten sich auf umliegende Länder, nur 250.000 Exemplare verkauften sich in den USA.

"Anno" ist ein deutschsprachiges Phänomen, zumal es nicht bei den 2,5 Mio blieb.   

Anno 1602 bleib über fast ein Jahrzehnt ein Hit....es wurde in verschiedenen Versionen wiederveröffentlicht, so z.B. als Königsedition (inkl. Erweiterungen) und später, sehr erfolgreich, als Budget-Version in der "Software-Pyramide". Bis 2007 verkaufte sich diese Version, die oft "für n Zehner" über den Ladentisch ging, noch sagenhafte 750.000 mal. Über seine gesamte Lebenszeit dürfte Anno 1602 also deutlich über 3 Mio Exemplare verkauft haben, es ist ja bis heute noch käuflich zu erwerben.

Wohlgemerkt: Anno 1602 verkaufte sich (teilweise als Vollversion oder als Budget-Version) auch noch hervorragend, als bereits Nachfolger zu haben waren, nämlich Anno 1503 und 1701 in den Jahren 2002 und 2006.  

Aprospos Nachfolger: Wer sich die Evolution der Anno Spiele mal im Vergleich ansehen möchte, dem sei folgendes Video empfohlen:

Fazit:
Obwohl ich alle Anno Versionen zumindest kurz angespielt habe, bleibt Anno 1602 mein Favorit. Ich mag den Grafikstil der folgenden Teile nicht und finde das "1602" genau den Sweetspot zwischen Komplexität und Spielbarkeit trifft. Ich spiele es bis heute immer wieder mal und sorge stets dafür, das es immer lauffähig ist. Wie schon gesagt spiele ich es komplett friedlich und immer auf "Endlos". Im Prinzip spiele ich das Spiel also wie eine Art "Mittelalter-Simcity". Genauso mag ich dieses Meisterwerk von einem Spiel.

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

Alle verwendeten Icons, Screenshots, Bilder und andere Grafiken sowie alle verwendeten Marken-, Spiele- und Produktnamen und Logos sind Eigentum ihrer jeweiligen Besitzer.  


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