Need for Speed II (SE)


Heute möchte ich den 2. Teil von Need for Speed besprechen, der für mich ein ganz Besonderer ist. Für mich ist es einfach der von der Präsentation her perfekteste Teil, denn er ist, meiner Meinung nach, die perfekte Symbiose aus Racer und, wie man in England sagt, "Carporn".

Das Spiel war, natürlich, der Nachfolger zum 1995er Hit "Need for Speed" und kam 1997 für den PC in 2 Varianten raus, nämlich im Frühjahr als "normale" und gegen Ende des Jahres als "SE-Variante", die neben einigen neuen Autos auch 3dfx Unterstützung bot. Meine Besprechung konzentriert sich auf diese "ultimative" Variante des Spiels. Etwa zeitgleich mit der PC Version erschien das Spiel auch für die Sony Playstation.

Anders als im 1. Teil gab es weniger "offene" Strecken und keine Polizei mehr, dafür viele Rundkurse, die auf der ganzen Welt verteilt liegen. Auch die Auswahl an Autos war besonders, denn es handelte sich diesesmal um teilweise sehr seltene, limitierte, Fahrzeuge und Prototypen. 

Electronic Arts betrieb für die Autos einen ziemlichen Aufwand und arbeitete mit den Herstellern zusammen. Die Zusammenarbeit mit dem Automagazin "Road & Track", die den ersten Teil geprägt hatte, bestand für den 2. Teil nicht mehr. Erstmals durfte EA die Fahrzeuge genau vermessen und auch den Sound mit jeweils 8 Mikros pro Fahrzeug auf verschiedenen Strecken aufnehmen. 

Die Auswahl an Autos war ebenso extravagant wie beeindruckend. Folgende Autos waren im Spiel:

McLaren F1, ein auf 68 Stk. limitierter Supersportwagen mit Strassenzulassung, die ultimative Fahrmaschine der 90er und damalige Grenze des technisch machbaren. Seinerzeit das schnellste und mit 1,5 Mio DM teuerste Serienauto der Welt. Die reinen Werte lesen sich auch heute noch beeindruckend: 627 PS, 372 Km/h Spitze. Der Wagen beschleunigte in 3,4 Sekunden auf 100 Km/h, nach 9,6 Sekunden lagen 200 Km/h und nach 23 Sekunden 300 Km/h an. Einen Kilometer absolvierte das englische Geschoss aus dem Stand in 19,6 Sekunden und war dann 285 km/h schnell.
Ab 180 Km/h aufwärts beschleunigte der "F1" übrigens (wegen dem fehlenden Heckflügel) schneller als damalige Formel 1 Rennwagen. Später gab es noch weitere, leistungsgesteigerte Versionen. Noch heute steht er im Guiness Buch als schnellster Seriensportwagen mit Saugmotor.
Der "F1" gilt als Urvater der heutigen Hypercars und ist eines der begehrtesten, teuersten und seltensten Sammlerstücke der Automobilgeschichte. 2021 wurde ein solches Fahrzeug, mit 329 km Laufleistung fast neuwertig, für 20,5 Millionen Dollar versteigert. 

Lizenz: CC BY-SA 4.0 / Autor: Craig James

Ferrari F50, 349 Fahrzeuge wurden von diesem 520 PS V12-Mittelmotor Renner gebaut und, gegen Zahlung von 500.000$, an ausgewählte Kunden "verteilt". Der heutige Preis liegt, verglichen mit dem "F1", bei fast lächerlichen 1-2,5 Mio €.

Lizenz: CC BY-SA 4.0 / Autor: Thesupermat

Jaguar XJ220, von dem 275 Stk. gebaut wurden, obwohl Bestellungen für 1500 Stück vorlagen. Das Auto ist ein begehrtes Sammlerstück, aber sehr selten auf dem Markt. Der Jaguar erzeugte aus einem 3,5 Liter Biturbo erstaunliche 542 PS und beschleunigte auf sagenhafte 349 Km/h (220 mph, daher der Name).
Es gab auch noch eine "S" Version mit 680 PS und über 370 Km/h Spitzengeschwindigkeit.... 

Lotus GT1, Einzelstück einer Strassenversion des GT1 Rennwagens von Lotus auf "Elise" Basis.
Es wurde ein hochgezüchteter 550 PS V8 Motor verbaut, das Fahrzeug wurde aber später auf andere Versionen umgebaut, heute gibt es kein Fahrzeug mehr diesen Typs. 

Lizenz: CC BY-SA 3.0 / Autor: Mariegriffiths

Ford GT90, Prototyp eines 720PS Supersportswagens, der nie in Serie ging. Dafür ging er digital "in Serie", denn er war in vielen Spielen enthalten, darunter Gran Turismo 2, Ford Racing 2/3, Project Gotham Racing 3 und TOCA Race Driver 2. Nicht schlecht für ein Auto, das nie auf den Markt kam.... 

Lizenz: CC BY-SA 2.0 / Autor: Mark Woodbury

Isdera Commendatore 112i, 370 km/h schnelles Einzelstück mit 6.0 Liter Merecedes V12-Motor und
414 PS. Hergestellt vom schwäbischen Hersteller Isdera, der aber kurz nach Fertigstellung des, in der Entwicklung 4 Mio DM teuren, Fahrzeugs Bankrott ging. 

Italdesign Cala, Prototyp für Lamborghini, von dem nur ein Exemplar gebaut wurde. Durch die Übernahme von Lamborghini durch VW 1998 wurde eine Serienproduktion verworfen. Dieses sehr hübsche Fahrzeug wäre mit seinem 408 PS V10 Motor 290 Km/h schnell gewesen.  

 Lizenz: CC BY-SA 3.0 / Autor: Odysseus 86

Lotus Esprit V8. 1996 kam diese mit einem 354 PS 3,5 Liter Bi-Turbo V8 Motor ausgestattete Version des bekannten Esprit auf den Markt. Er verbesserte die Fahrleistungen erheblich und erreichte 282 Km/h, bei einer Beschleunigung von 0 auf 100 in 4,7 Sekunden.  

Ferrari F355 F1 Von diesem bekannten Ferrari wurden etwas über 1000 Stück gebaut. Mit 295 Km/h und 4,7 Sekunden von 0 auf 100 war er ein direkter Konkurrent zum Lotus Elise V8.

Lizenz: CC BY-SA 4.0 / Autor: Alexander Migl

Ford Mustang Mach III. Ein 1993er Concept Car, das auf der Detroit Motor Show gezeigt wurde. Es sollte eine mögliche nächste Version der berühmten Mustang-Reihe zeigen, wurde aber zugunsten anderer Ideen verworfen.

Lizenz: CC-BY 2.0

Italdesign Nazca C2, Prototyp für BMW, der 1991 von Italdesign entworfen wurde. Es hatte 350 PS und wurde von einem über den Tuner Alpina verbesserten V12 Motor angebtrieben. Leider bleib es bei Einzelstücken und 2 Versionen (mit und ohne Flügeltüren).

Lizenz: CC BY-SA 2.0 / Autor: Hitman

Ford Indigo Rennwagenstudie, von der 2 Fahrzeuge gefertigt wurden, wovon aber nur eines tatsächlich funktional war. Der 441 PS 6-Liter V12-Motor sollte ca. 290 Km/h erreichen. Es wurde von vornherein als Showcar designt, eine Serienfertigung war nicht geplant. Das Design war sehr ungewöhnlich, besonders für ein strassentaugliches Fahrzeug. Die Lampen und Blinker saßen vorn im Spoiler, der an einen Hammerhai erinnern soll, die ausgeprägte Keilform sollte aerodynamisch und optisch überzeugen. Heute befindet sich das einzige funktionierende Modell dieser faszinierenden Studie weiterhin im Besitz von Ford. 

Lizenz: CC BY-SA 2.0 / Autor: Alden Jewell

Ich hatte oben das Wort "Carporn" erwähnt, was im englischen Sprachraum eine optisch hochwertige Präsentation von, meist sehr exklusiven, Autos darstellt, ähnlich wie es in der bekannten BBC-Serie "Top Gear" und in der Amazon Serie "The Grand Tour" praktiziert wird. Und genau auf diese Art wurden die Autos im Spiel präsentiert. Jedes Fahrzeug wurde in Wort, Bild und Video im Detail vorgestellt, samt Geschichte, technischer Daten und Features. 

Och.... nur 500.000 $? Schnapper.... 

Highlight war immer das sehr professionell aufgenommene und geschnittene Video des jeweiligen Fahrzeugs in Bewegung.

Schon das Intro des Spiels, das ich persönlich für eines der besten der gesamten Spielegeschichte halte, ist "Carporn in Reinkultur" und gibt den "Vibe" des Spiels perfekt wieder.

Hier mal alle "Showcases" hintereinander, beginnend mit dem McLaren F1.

Und hier, falls ihr das obige Video nicht ganz sehen wollt, das Video zum "F1":


Ihr kennt die Stimme des Sprechers irgendwo her? Das glaube ich Euch gern....
Für den deutschen Sprachraum wurde mit Egon Hoegen ein genialer Sprecher gefunden, war er doch die Stimme der ARD Verkehrssendung "Der 7. Sinn". Passend oder? 😂

Schon in den Videos auffällig: Die Entwickler von Pioneer Productions (EA Canada) hatten offensichtlich auch einen besonderen Fokus auf den Soundtrack gelegt. Dieser würde so mancher bekannter Band Ehre machen. Mit anderen Worten: Geile Musik 😆.

Zu den Videos und der Fahrzeugpräsentation bleibt anzumerken, das das Spiel 1997 herauskam, also lange vor Youtube und auch lange vor der Ausstrahlung von TopGear in Deutschland. Daher muss man verstehen, das zur damaligen Zeit solche Videos und Präsentationen exklusiver Super-Sportwagen extrem selten und etwas sehr besonderes waren.    

Im Ford Cockpit

Im Spiel gab es 3 verschiedene Modi: "Single Race", "Tournament" und "Knockout". Single Race dürfte klar sein, im Tournament Modus fuhr man Rennen mit Autos der selben Klasse. Schaffte man auf allen Strecken die Rennen zu gewinnen, wurden Bonusstrecken /-Autos freigeschaltet. Der Knockout Modus war ähnlich, es ging jedoch darum, immer ins nächste Rennen zu kommen, wobei nach jedem Rennen der jeweils Letzte aus dem Spiel genommen wurde. Sozusagen die Rennumsetzung des Spiels "Reise nach Jerusalem". 😂 

"Welcome to the jungle....we've got fun & games"... 😁

Die Grafik war damals beeindruckend, besonders in der SE Version mit 3dfx Unterstützung. Hier wurden, für damalige Zeit faszinierende, Effekte ins Spiel eingebaut. So gab es in der Wüste Insektenschwärme, Schnee, Gischt am Wasserfall und so weiter. Diese Grafik musste aber durch eine 3dfx Karte und generell einem schnellen PC erkauft werden. Unter einem 120MHz PC galten beide Versionen als kaum spielbar, der 166 MHz Prozessor war das Maß aller Dinge. 

Ein Insektenschwarm? WTF?

Die Autos konnten rudimentär verändert werden, was Spoiler-, Brems- und Schaltungseinstellungen anging. Natürlich war die Farbe ebenfalls individuell anpassbar. An Kameraeinstellungen gab es die schon damals "üblichen Verdächtigen".

Umfangreiche Möglichkeiten zum Thema "Replay Video"

Was die Strecken anging gab es eine breite Auswahl an Strecken, je nach Version bis zu 8 die in verschiedenen Ländern lagen. So gab es eine Highspeed Strecke in Australien ("Outback"), eine weitere anspruchsvolle Strecke in Nordeuopa ("North Country"), eine sehr schweirige Bergstrecke in Nepal ("Mystic Peaks") und weitere Kurse in Kanada ("Pacific Spirit"), Norwegen ("Proving Grounds"), USA ("Monolithic Studios"), Griechenland ("Mediteraneo") und Mexiko ("Last Resort"). Insgesamt eine schöne, abwechslungsreiche Auswahk an Strecken, die allerdings teilweise recht schwierig waren, was zu entsprechender Kritik von manchen Spielern führte, da man mit sehr schnellen Autos recht enge und verwinkelte Strecken fahren musste. 

In der Cockpit-Sicht durch eine Stadt

Die zeitgenössischen Zeitschriftentests sahen das Spiel recht kritisch. Sie sprachen von einem "lieblos runterprogrammierten" Nachfolger mit unsauberer Steuerung, einer etwas seltsam exotischen und wenig kultigen Fahrzeugauswahl und den recht hohen Hardwareanforderungen. Genauso wurde der fehlende Gegenverkehr und die fehlenden Polizeiverfolgungsjagden kritisiert. Gleichzeitig lobten alle Zeitschriften die sehr gute Präsentation der Fahrzeuge und das ganze "drumrum". Das Spielemagazin "Computer Games Magazin" brachte es mit folgendem Satz auf den Punkt:

"Considering more people worked on the video segments than the actual game, it's not surprising that Need for Speed II is all image and style and little substance".

Ich persönlich mag das Spiel, besonders im 3dfx Modus. Dann ist es wirklich schnell und fährt sich hervorragend. Die Steuerung ist tatsächlich etwas unsauber, aber das Spiel macht Spaß und das ist die Hauptsache. 

Richtig sauer machte die Zeitschriften (und auch die Fans), das EA sich damals erdreistete, noch im selben Jahr die verbesserte "SE-Version" mit 3dfx Unterstützung herauszubringen. Normalerweise gab es schon damals 3dfx Patches kostenlos zu gewissen Spielen nachgereicht. EA aber brachte das Spel einfach nochmal zum Vollpreis heraus! Für Besitzer der ersten Version wurden gnädigerweise "nur" 35DM in Rechnung gestellt. Das wurde allgemein als Frechheit empfunden. Der Unterschied zwischen beiden Versionen lag übrigens, neben dem 3dfx Patch, bei lediglich 3 weiteren Autos und einer zusätzlichen Strecke....

Vor Dir: Ein großer Affenkopf! 😂😂

Hier mal ein kleiner Vergleich zum Thema 3dfx.....erstmal ohne 3dfx:


Die selbe Szene mit 3dfx:


So findet sich bei den Wertungen zu den beiden Spielen alles....von 40% bis über 90%. Auffällig ist, das die Playstation Version deutlich kritischer bewertet wird, als die PC Version. Auf der Playstation gab es damals aber auch harte Konkurrenz. Aber auch auf dem PC gab es mit NICE, Bleifuss, Sega Rally und Co auch andere tolle Rennspiele. Die hatten zwar nicht das ganze "Tamtam" drumherum, aber teilweise bessere Steuerung sowie besseres Fahrgefühl.
In der Need for Speed Serie ist der 2. Teil sicherlich derjenige, der sich mit am schlechtesten verkauft hat. Leider gibt es weder für Teil 1 noch Teil 2 Verkaufszahlen, aber ab Teil 3 gingen die Zahlen derart hoch, das die vorherige Aussage gar nicht falsch sein kann.

Als kleiner Fun-Fact wäre noch die Tatsache zu erwähnen, das ursprünglich weitere Portierungen auf andere Systeme angedacht waren, darunter Nintendo 64 und Sega Saturn, die aber beide nicht veröffentlicht wurden. Es war ebenfalls eine Version für Panasonic's niemals erschienene Konsole "M2" (3DO Nachfolger) geplant. Da diese Konsole nie erschienen ist.... 😑  

Ich selbst habe "NFS2" damals gekauft und war schon etwas enttäuscht, das es keine offene Strecken mehr gab. Aber die Präsentation hat mich umgehauen. Leider ist die CD mit der Zeit verlorengegangen, weshalb ich mir erst vor kurzem via EBay eine NFS2 SE Version für meine Sammlung gekauft habe. Das Spiel ist gar nicht so oft zu finden, auch weil im Netz mit "Need for Speed 2" meist "Underground 2" gemeint ist. Aber vor allem ist es nicht so trivial, das alte Windows 95 Spiel unter Windows 10 zum Laufen zu bekommen, besonders mit 3dfx Emulation. Gut das es Fanpatches für fast alles gibt...

Generell bleibt zu sagen, das ich eher auf die "unpopulären" Titel der Serie zu stehen scheine, einfach weil ich diese ganze Tuningsache der späteren Teile nicht mag und mich diese an "Fast and Furious" angelehnten Spiele nicht so interessieren. Das ich da allein auf weiter Flur stehe weiß ich, Need for Speed "Most Wanted" und "Underground" verkauften sich jeweils über 15 Mio mal....  nur eben nicht an mich... 😂. Das von mir heiß geliebte Need for Speed Porsche (zu dem ich definitiv einen Artikel machen muss - sooo ein tolles Spiel! 😍) kam nur auf 770.000 verkaufte Einheiten, das waren nur halb soviele wie von Teil 3, zwei Jahre zuvor, über die Ladentische gingen. Diese Banausen! 😂

Fazit:
Need for Speed II (SE) ist mit Sicherheit kein sehr gutes Rennspiel, nein, es ist eher ein "spielbarer Autokatalog", ein "spielbarer Showroom". Wie ein Test schon sagte wurde deutlich mehr Wert auf die Präsentation als auf das eigentliche Spiel gelegt. Der Fahrzeugpräsentationsteil ist so professionell, das er durchaus von den Herstellern der Fahrzeuge selbst kommen könnte. Das Spiel an sich ist nicht komplett schlecht, aber es war eben damals sehr langsam und ruckelig, selbst auf Pentium 120/166 MHz Maschinen. Die "SE-Version" war dagegen, sofern man 3dfx Hardware hatte, wirklich sehr schnell und sah spektakulär aus. Insofern ist das Spiel ein zwiespältiges, aber trotzdem eines meiner persönlichen Lieblinge, eben weil ich "Carporn" zu schätzen weiss und für mich die edle Gesamtpräsentation einfach zu einem Need for Speed Titel dazugehört.
 Lieblose Rennspiele, die die Fahrzeuge gar nicht groß vorstellen, gab es an jeder Ecke... 

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

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