Retrospiele: The way of the exploding fist


Normalerweise bin ich kein Freund von "Prügelspielen", aber ein Spiel aus diesem Genre hat mich früher auf dem C64 sehr begeistert: "The way of the exploding fist" von Melbourne House aus dem Jahre 1985.

Das, von Greg Barnett programmierte, Karate-Spiel ist vom Stil her viel ernsthafter und seriöser als  andere "auf die Fresse hau-Spiele". 

Das Spiel, das 1985 für ZX Spectrum, Amstrad CPC, BBC Micro und C64 herauskam, ist klar im traditionellen Japan angesiedelt und bringt die "Stimmung" beim Karate sehr gut rüber. Im Spiel steht man, in verschiedenen Kulissen bzw. Dojos, seinem Gegner gegenüber. Einzige weitere Person im Bild ist der Kampfrichter im Hintergrund. Das Spiel widmet sich dem Kumite-Karate, einer der drei traditionellen Arten des Karate. Man muss dazu wissen, das es nicht den einen Karatesport gibt, sondern sehr viele unterschiedliche Strömungen, dazu später mehr. 

Fun-Facts: Das Spiel wurde durch den damaligen Karate-Weltmeister Jeoffrey Thompson promotet, der auch auf der Originalpackung des C64 erwähnt wird. Allerdings war dieser Mr. Thompson schon damals eher den Experten ein Begriff, weshalb das Spiel nicht nach ihm benannt wurde. 
Das Spiel wurde auch für den NES portiert, aber damals nicht veröffentlicht, es erschien erst 2019

Das C64 Cover des Spiels


Die meisten Spieler denken bei Karate-Spielen vermutlich an die Titel "International Karate" oder seinen Nachfolger "IK+". Diese Spiele wurden eindeutig von "The way of the exploding fist" inspiriert, welches für mich schlicht die "Mutter der Karatespiele" auf Heimcomputern darstellt. Aufgrund der Ähnlichkeit der 3 Titel werden die Spiele auch sehr häufig untereinander verwechselt. 

Um diesen Fakt mal zu verdeutlichen, vergleiche ich hier die C64 Versionen der Spiele "The way of the exploding fist", "International Karate" und "IK+" miteinander:

The way of the exploding fist

International Karate

International Karate +

Trotzdem die Spiele von verschiedenen Teams stammen, sehen die Charaktere fast 1:1 identisch aus, die Spiele spielen sich auch nahezu gleich.

Ich will nicht verschweigen, das auch "The way of the exploding fist" ein Vorbild hatte, nämlich den 1984er Arcade-Automaten "Karate Champ" von Data East.  

Karate Champ (1984)

In Bezug auf die Ähnlichkeit der Spiele gab es sogar einen Gerichtsprozess in den USA. Epyx/System 3 (International Karate) wurde von Data East (Karate Champ) durch mehrere Instanzen verklagt. Erst bekam Data East recht, in der nächsten Instanz wurde der Richterspruch aufgehoben, weil das vorherige Urteil einer Monopolisierung des Sportes Karate auf Computern gleichgekommen wäre. Viele Details des Spiels würden sich eben aus dem Sport Karate selbst ergeben. Aus diesem Grund hat Melbourne House auch nie Epyx/System 3 oder andere "Nachahmer" verklagt. 

Die Veröffentlichung 1985 fiel in eine Zeit, in der asiatische Kampfkunst einen Boom erlebte, nicht zuletzt durch Filme wie "Karate Kid". Auch andere, weniger auf den Kern des Karate eingehende Filme, wie "American Fighter" taten ihr übrigens zum Boom der "Martial Arts". Natürlich gab es schon vorher Filme dieser Art, besonders natürlich mit Bruce Lee, aber erst durch "Karate Kid" wurde Karate "massentauglich". Dies schlug sich auch in "LKW-Schüben" an Nachahmern von The way of the exploding fist" (Zitat "Happy Computer") ab dem Jahr 1986 auf allen Spieleplattformen nieder.

Aber kommen wir zum eigentlichen Spiel selbst:  

Zum Start des Spiels verbeugt man sich vor dem Gegner und es geht los. Es gibt insgesamt 16 verschiedene Schläge/Tritte im Spiel, die vom Faustschlag über den "Fussfeger","Roundhouse-Kicks", bis zum gesprungenen Kung-Fu-Tritt reichen können. Je nach Schlag und dessen Ausführung werden die Punkte verteilt. 

Animationsbeispiel des Spiels
Quelle: C64 Wiki

Besonders hervorheben möchte ich, das das Spiel auch sehr viel wert auf die Abwehr legt, mehr als andere Spiele dieser Art. So kann man Aktionen des Gegners einfach durch eine schnelle Rückwärtsbewegung oder durch geschickte Salti ausweichen. So ist ein adäquater, schon eher "expertiger", Move z.B. den Gegner per Salto zu überspringen und von hinten mit einem geschickten Kick aus dem Stand am Kopf zu treffen.
Eine weitere Strategie war es, den Gegner auf sich zukommen zu lassen und sich im letzten Moment hinzuknien um ihm mit einem Schlag in die Magengrube zu treffen.

Es gibt keinen "Lebensbalken", es geht lediglich um die Punkte. Diese werden in Form von 2 Yin & Yang Symbolen gezählt. Für einfache Aktionen bekommt man einen halben Yin/Yang gutgeschrieben, für komplexere Aktionen einen Ganzen. Wer zuerst 2 komplette Yin/Yangs vorweisen kann, hat den Kampf gewonnen. Nach zwei gewonnen Kämpfen kommt man ins nächste Level / Setting.

Dieses Wertungssystem heißt in der traditionellen Karateform Kumite "Shobu-Nihon". Der "halbe" Punkt wird dabei "waza-ari" und der volle Punkt "ippon" genannt. Das Wertungssystem des Spiels ist also realistisch, zumindest nach einer der mehreren traditionellen Formen des Karate. Der oben schon erwähnte Geoff Thompson aus England, war Weltmeister im Kumite-Karate. 

Mit zunehmender Spielzeit erreicht man verschiedene "Dan" Ränge, steigt also in seinen Karate-Fähigkeiten weiter auf. Dieses System der "Meistergrade" (Dans) gibt es seit dem 17. Jahrhundert in vielen verschiedenen asiatischen Kampfsportarten, aber auch in Brettspielen wie Go.
Im Westen, und vor allem bei Laien, ist vor allem der "schwarze Gürtel" bekannt, der allerdings nicht viel über den Dan-Rang aussagt, denn den schwarzen Gürtel bekommt man meist ab dem 1. Dan-Rang und man behält ihn, je nach Sportart, bis zum 5. Dan oder darüber hinaus. Der "schwarze Gürtel" sagt also lediglich aus, das man z.B. den Karatesport bis zu einem gewissen Grad erlernt hat, es gibt ihn aber auch in anderen asiatischen Kampfsportarten.
Bis zum 5. Dan werden die Ränge in technischen Prüfungen vergeben, die höheren Dan-Ränge gelten als "geistige Meisterschaft". Hier beginnt der Kämpfer sich mehr dem spirituellen Hintergrund, den Werten, der Geschichte und der zugrunde liegenden Philosophie der Sportart zu widmen. Der höchste Titel, der  "10. Dan", wird in der Regel posthum verliehen.
Der eigentliche Name der, übrigens ursprünglich aus China stammenden, Sportart Karate lautet voll ausgeschrieben "Karate do". Das Wort "Karate" bedeutet "leere Hand" und die Silbe "do" bezeichnet die philosophische Bedeutung des Karate als Art der Lebensführung.    

Kaligraphie des Wortes "Karatedo"
Lizenz: CC BY-SA. 3.0 Quelle: Wikipedia
Autor: Verlag Heiko Bittmann


Wer die Filmreihe "Karate Kid" kennt, wird jetzt vielleicht merken, das Mr. Miyagi im Film eher schon im spirituell/philosophischen Bereich des Karate angekommen ist...

Es gibt übrigens keine genaue Regelung der Verleihung der höheren Dan Ränge und jede Sportart handhabt das anders. So kann man nicht den 5. Dan im Karate mit dem im Taekwondo gleichsetzen oder vergleichen.    

Im Spiel steigt man also langsam in den Rängen auf und kämpft in verschiedenen  Locations, auch "Dojo's" genannt. Ein Dojo bezeichnet eigentlich einen Trainings- und Meditationsraum, aber im Spiel heißen auch die Kampfarenen so. Diese wiederholten sich immer, denn es gab im Spiel nur 4 verschiedene:

Der wunderschöne japanische Garten


Die Strandszene (erinnert an Karate Kid oder?)


Im klassischen Dojo (Lernort für Karate, meist ein Karate-Studio)


Im Tempel


Das Spiel war 1985 eine grafische Sensation. Nicht nur waren die Hintergrundbilder sehr hübsch und stimmungsvoll, vor allem waren es die realistischen Animationen die das Spiel besonders machten. Grafiker Greg Holland nutzte über 600 Spritebilder für die Animationen der verschiedenen Bewegungsabläufe.

Die, fast schon meditative, Musik des Spiels, arrangiert von Neil Brennan, orientiert sich am chinesischen "Dance of the Yao People".   

Jetzt bloß genau den Schlag setzen....

Als kleiner "Gag" gab es zwischen den Levels ein Bonuslevel, in dem ein Bulle ins Bild kam, den man mit einem gezielten Schlag "erlegen" musste, um nicht überrannt zu werden. Der Trick war, sich hinzuknien und ihn mit einem gezielten und gut getimten Faustschlag ins Reich der Träume zu schicken. 

Dieser kleine Teil des Spiels gilt als Verbeugung vor dem großen Karate Meister Mas Oyama. Dieser, Begründer des Kyokushin Karate Stils, trat in Japan auf Veranstaltungen auf und eine seiner Show- Events war es, einen Bullen mit nur einem Schlag auszuknocken. Nachweislich hat er das mit 52 Bullen gemacht, 3 davon hat er sogar mit einem einzigen Schlag getötet. Das brachte ihm den Spitznamen "Hand Gottes" (Godhand) ein. Um nochmal auf die Dan-Ränge (siehe oben) zurückzukommen: Herr Oyama war 10. Dan in "seinem" Kyokushin Karate, 4. Dan im Shotokan Karate, 7. Dan in einer weiteren Karateart und 4. Dan im Kosen Judo. 

Mas Oyama (1923-1994)
Lizenz: CC BY-SA. 3.0 Quelle: Wikipedia

Liest man sich Rezensionen der damaligen Zeit durch, kommt das Spiel sehr gut weg und wird besonders für seine Animationsqualität gelobt. Diese muss man natürlich im Kontext der Zeit sehen und die Animationen von Jordan Mechners Karateka, aus dem gleichen Jahr, waren auch nicht zu verachten. Für "The way of...." habe ich keine einzige Wertung unter 80% gefunden, viele vergaben über 90 oder gar die 100. 1985 war es das Kampfspiel auf den damaligen Systemen. Von Testern und Spielern wird das Spiel als das beste Karate-Spiel beschreiben, zumindest was die Atmosphäre angeht. Kritisiert wird meist das etwas zähere Gameplay im Vergleich zu International Karate. Wer aber auf die spezielle Atmosphäre des Karatesportes wert legt, findet meist "The way of the exploding fist" besser.

Was die Verkaufszahlen angeht, war "The way of the exploding fist" sehr erfolgreich, belegte Zahlen gibt es vor allem für das Vereinigte Königreich. Im UK war es das erfolgreichste Spiel des Jahres 1985 und war in den Monaten September bis November auf Platz 1 der Verkaufscharts. Europaweit wurden über 500.000 Spiele verkauft, was damals eine enorme Zahl für einen solchen Titel war. 

1986 kam mit "Fist - The Legend continues" der Nachfolger raus, der, man muss es so sagen, im Vergleich zum Original ein furchtbares Spiel ist. Die Grafik ist unterdurchschnittlich und jetzt geht es nicht mehr um "klassische" Karate-Kämpfe, sondern man spielt einen Karateka in einem Action-Adventure, in dem man sich einen Weg durch ein Level "freischlagen" muss. Das hat mit dem Original nicht mehr viel zu tun, besonders grafisch und atmosphärisch ist es viel schlechter. Man muss kein Experte sein, nein man muss einfach nur den Film Karate-Kid kennen, um zu wissen, das dieses Spiel nichts mit der Spiritualität hinter der Sportart Karate zu tun hat.  

Fist II, leider grafisch nicht in der Qualität wie der 1. Teil

1988 erschien der 3. Teil der "Fist" Serie mit Namen "Exploding Fist +". Hier merkt man schon, das sich der Titel an den Erfolg von International Karate (1986) und International Karate + (1987) ranhängen wollte, allerdings zeigten die Programmierer auch hier eindrucksvoll, das sie deutlich überholt wurden, grafisch wie spielerisch und nicht verstanden, was den ersten Titel und dessen Erfolg ausmachte. 
Zudem ist es peinlich, das das Spiel wie eine dreiste Kopie von "IK+" wirkt, man achte mal auf die Punktebalken oben im Screen (vergl. mit dem 5. Bild von oben). 

Exploding Fist +

Fazit:

"The way of the exploding fist" gilt zurecht als einflussreicher Meilenstein im Bereich der Karate-Spiele und war die Initialzündung für eine Reihe ähnlicher Titel, wovon viele auch wirklich sehr gut waren (IK/IK+). Der reine Kampfteil mag in den beiden genannten etwas besser sein, aber die Grafik, das Setting und die atmosphärische Darstellung der Sportart samt der fast meditativen Musik machte aus dem ersten "Fist"-Spiel ein wirklich bemerkenswerten Titel, den ich viel lieber gespielt habe, als alle Nachfolger. Ein echter Klassiker der 80er Jahre.   

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

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