Retrospiele: Der Patrizier

1992 erschien das erste Spiel der Gütersloher Firma Ascon Software, die grade von Holger Flöttmann gegründet wurde: Der Patrizier. Das Spiel erschien, in grafisch nahezu identischer Qualität, zeitgleich für Amiga, Atari ST und DOS.

Eigentlich war es keine eigene Idee von Ascon, denn das Spiel war ein Atari-ST Projekt von 3 Studenten und hieß eigentlich "die Pfeffersäcke". Wer den , etwas despektierlichen, Begriff nicht kennt, so nennt man, besonders in Hamburg, reiche Kaufleute (aus dem Mittelalter). Der Begriff ist heute noch bekannt, auch wenn er nicht mehr wirklich verwendet wird. Ascon entwickelte das Spiel weiter und veröffentlichte das Spiel dann unter dem neuem Namen. 

Kleiner Exkurs zur Hanse (einem geschichtlichen Steckenpferd von mir)

Der Patrizier ist ein typisch deutsches Spiel.... eine historische Wirtschaftssimulation. Man spielt einen Kaufmann zur Hansezeit (Spielbeginn ist das Jahr 1355), der sich aus einfachen Anfängen langsam hocharbeitet. Das Spiel beschäftigt sich ausschließlich mit dem Seehandel in der Welt der Hanse. Dieser Handelsbund, eigentlich im 12. Jahrhundert als Gemeinschaft der Gotlandfahrer gegründet, entwickelte sich mit den Jahren von einer kaufmännischen Zweckgemeinschaft zur einer festen politischen Größe, die sogar Kriege führte. Ein genaues Gründungsdatum der Hanse gibt es nicht, manche nennen die Gründung Lübecks 1143 als ein mögliches Datum, es gibt aber eine Reihe Versionen zur Gründung. Sicher ist, das es um den Handel in der Ostsee, besonders mit dem wohlhabenden Visby ging. Die Hanse ist übrigens viel größer gewesen, als viele denken. Natürlich kennt jeder, nicht zuletzt von den Autokennzeichen, die großen Hansestädte in Deutschland: Hamburg, Bremen, Lübeck. Es gehörten aber auch in Deutschland Städte wie Köln, Dortmund, Göttingen, Lüneburg, Münster, Soest und viele andere dazu. International gab es einige sehr wichtige und wohlhabende Städte, die dazugehörten. Besonders zu nennen sind London, Brügge in Belgien, das norwegische Bergen, das schwedische Visby auf der Ostseeinsel Gotland, aber auch das russische Nowgorod oder das, heute estnische aber von deutschen gegründete, Tallinn, das frühere Reval. Wer sich für die alten Städte interessiert und wer mal "Hanse pur" erleben will, dem seien 3 Städte als Reiseziel besonders empfohlen: Das wunderschöne Brügge in Belgien, das sehr "deutsche" Tallinn in Estland und das wunderbar erhaltene Visby auf Gotland.

Das Holstentor in Lübeck 

Allen diesen Städten, ich habe die allermeisten Hansestädte selbst besucht, sieht man die Hansegeschichte, wie oben mit dem Lübecker Holstentor, im Stadtbild deutlich an. Hansestädte haben einfach einen besonderes Flair, und das bringt selbst der Patrizier gut rüber.
Übrigens gehörten insgesamt über 200 Städte in ihrer Geschichte irgendwann mal der Hanse an, die ihre Blütezeit von ca. 1200 bis 1400 hatte. Der erste Hansetag fand 1356 (übrigens das erste volle Spieljahr im Spiel) in Lübeck, der Letzte im Juli 1669 ebenfalls in Lübeck statt. Das zum letzten Hansetag nur noch 9 Delegierte kamen, zeigte deutlich, das die Hanse an Bedeutung verloren hatte. Die, eigentlich sehr europäische, Hanseidee war durch politische Veränderungen in Europa mit immer neuen Mächten und Bündnissen nicht mehr zeitgemäß. Hauptgrund des Bedeutungsverlustes war aber die Kolonialisierung und die Entdeckung der "Neuen Welt". Die Handelsinteressen und Warenströme verlagerten sich, der Ostseehandel war plötzlich weniger attraktiv und weniger wichtig geworden. Trotzdem blieb der "Geist der hanseatischen Kaufleute" bis heute erhalten, man merkt die hanseatische Tradition sehr deutlich in den entsprechenden Städten, besonders in Hamburg, deren voller Titel ja "Freie und Hansestadt Hamburg" lautet. Man bildet sich also durchaus noch etwas auf diesen Teil der Geschichte ein.
1862 wurde die Hanse aufgelöst.
1980 wurde übrigens in Zwolle (Niederlande) die "neue Hanse" gegründet, der eine Art "Kultur- und Stadtmarketingverbund" ist und die Werte der Hanse in die Neuzeit retten möchte. Es sind aktuell 194 Städte aus verschiedenen nord-europäischen Ländern Mitglied, die meisten davon waren schon beim Original dabei. Ein Staat fehlt übrigens komplett, damals wie heute: Dänemark. Denn die, heute ja recht friedlichen, Dänen waren damals der Erzfeind der Hanse und man führte mehrfach und über viele Jahre Kriege gegeneinander. Wohlgemerkt.... nicht irgendwelche festen Staaten sondern der Städtebund "Hanse" gegen den Staat Dänemark. Das zeigt die Bedeutung der Hanse in seiner Blütezeit.

Hm... ich erinnere mich, das ich über der Patrizier schreiben wollte..... also zurück zum Spiel....

Die Werft

Startet man das Spiel, und hat man einen Namen, eine Heimatstadt und ein schnelles oder langsames Spiel ausgewählt, landet man auf der Werft, auf der man sein erstes Schiff taufen darf. Es gibt 4 Schiffstypen: Die Schnigge (klein und schnell), den Kraier (etwas größer und langsamer - Das Startschiff im "normalen" Spiel), die Kogge (DAS Standardschiff der Hanse, das Zusatzschiff im schnellen Spiel) und der Holk, ein großer Massengutfrachter. 

Das "Datenblatt" einer Kogge

Nach der Taufe klickt man sich von der Werft- zum Stadtbildschirm, der in jeder Stadt leicht anders aussieht, ohne komplett individuell zu sein. Die Stadtansicht zeigt eine typische hanseatische Häuserzeile die ähnlich in vielen Städten wie z.B. Brügge, Lüneburg, Stade oder Bergen (Norwegen) noch heute zu sehen ist. Hier befindet sich das Kontor, eventuelle Lagerkapazitäten, die Kneipe (ihr wisst schon...Gehilfen und Arbeitskräfte findet man IMMER in Kneipen), ein Geldverleiher und, ganz rechts, das prachtvolle Haus der örtlichen Kaufmannsgilde. 

Der Stadtbildschirm

Zuerst nimmt man einen Kredit auf, um etwas "Spielgeld" zu erhalten. Dieser Kredit wird einem von einem freundlichen Kaufmannskollegen zu üblichen Zinsen von 20% und mehr geliehen. Ja, wir leben zinstechnisch in anderen Zeiten heute...

Bei den Grafiken wurde sich übrigens teilweise an alten Vorlagen orientiert. Besonders schön sieht man das am Bild des Geldverleihers. Hier der Geldverleiher aus "Der Patrizier"....   

Der Geldverleiher

Die Vorlage des Geldverleihers war, ganz offensichtlich, ein Bild des Malers Hans Holbein der Jüngere, der den Danziger Kaufmann Georg Giese im Londoner Kontor zeigt. Das Bild ist von 1532 und hängt in Berlin. Sogar die Kleidung, die Handhaltung, der Zettel in den Händen und das Bücherregal links oben wurden übernommen. Kaufmann Giese war übrigens für die Stadt Köln in deren Londoner Dependance tätig.
Falls Uhrensammler unter meinen Lesern sind: Das Bild ist die erste Abbildung einer am Körper tragbaren Taschenuhr überhaupt! Das kleine runde Döschen rechts neben der Vase auf dem Tisch ist eine sogenannte "Dosenuhr", die in einer Tasche getragen wurde. 

Das Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren zeigt den Danziger Kaufmann Georg Giese

Nach dem Einstellen von ein paar Seeleuten geht man auf die Kontoransicht und hier auf das Warenbuch. Hier sieht man, was die Stadt an Waren zu bieten hat. Wie im echten Leben (ich bin beruflich Kaufmann) liegt auch hier der Segen und der Weg zum Reichtum im Einkauf. Das Spiel besteht größtenteils daraus, Waren irgendwo im Hanseraum (wie beschrieben geht der grob von London bis Nowgorod in Russland) eine Ware günstig einzukaufen und an einem anderen Ort möglichst teuer zu verkaufen. Mit der Zeit findet man lukrative und weniger lukrative Routen. Diese ergeben sich, zumindest zum Teil, aus historischen und örtlichen Gegebenheiten. Norwegen mit der Stadt Bergen ist z.B. ein Fischereizentrum, in Südschweden gibt es sehr viel Holz, aus deutschen Landen kommt berühmtes Bier. Felle gibt es reichlich in den Weiten Russlands, Wein und edle Tuche dagegen eher im reichen und florierenden Brügge mit seinen umfangreichen Handelsbeziehungen in das restliche Europa. Die ganz harte "Tour des Gewinnstrebens" geht von Brügge (ganz im Westen der Karte) mit einem Schiff voller Wein ins ganz im Osten gelegene Nowgorod und auf dem selben Weg zurück, nur dann mit Fellen beladen. Die Tour hat allerdings einige Nachteile. Erstens dauert sie so lange, das man andere Routen in der Zeit mehrfach fahren kann, zweitens ist die Tour um Dänemark herum nicht ganz ungefährlich, auch wegen Stürmen. Der 3. Nachteil liegt darin, das man sich mit der Tour nicht unbedingt im Spiel weiterbringt, dazu aber später mehr.  

Die (scrollbare) Karte der Hanse

Hat man sich für eine Ware und (durch Klick auf die große Karte im Kontor) einen Zielort entschieden, reist das Schiff zu dem Ort, was eine Weile dauern kann. Die Ereignisse in der Zwischenzeit werden auf einer vertikal scrollenden Schriftrolle dargestellt. Je nach Entfernung zum Zielhafen, kann die Reise mehrere Wochen dauern, was durchaus die Norm war damals. 

Im Spiel werden übrigens eine Reihe Mitbewerber simuliert, die ebenfalls über die Meere schippern, einem Waren wegkaufen und auch bei der Bürgermeisterwahl als Konkurrent auftreten. Über die Schriftrolle erfährt man, von ihren Tätigkeiten, es lohnt sich also mitzulesen.

Die "Meldungsrolle"

Im Spiel spiel müsst ihr für alle eure Schiffe alle Entscheidungen treffen, ihr entscheidet also an jedem Ort was zu kaufen und sonst noch zu tun ist. Ihr seid also nicht in der "Zentrale" sondern ihr reist immer mit. Dazu muss man auch beachten, das jedes Schiff, wie man heute sagen würde, ein eigenes "Profitcenter" ist. Jedes Schiff führt seine eigene "Kasse", man kann also nur für soviel Geld Waren kaufen, wie Geld auf dem Schiff ist. Das ist natürlich auch sehr realistisch, denn wenn man in Stockholm etwas kaufen wollte, nutze es einem damals wenig, wenn man viel Geld in der Heimatstadt Hamburg herumliegen hatte. 

Auch Reparaturen an Schiffen muss man mit einkalkulieren, denn die Schiffe brauchen ständig Reparaturen. Auf dem Werftbildschirm kann man sich sein Schiff "bewerten" lassen, das sehr stilecht in Seemannsjargon geschieht. Ein "Seelenverkäufer" ist kein Kompliment für ein Schiff....soviel sei den Landratten unter den Lesern gesagt. An neue/zusätzliche Schiffe kommt man übrigens auf mehreren Wegen, der "normale" ist natürlich sich eines in der Werft bauen zu lassen. Das ist teuer, dauert etwas und erfordert zwei Dinge, die man nur bedingt steuern kann: Die Stadt muss die für das Schiff benötigten Baumaterialien "am Lager" haben und die Werft darf nicht grade mit anderen Aufträgen blockiert sein. Ein weiterer Weg an ein (gebrauchtes) Schiff zu kommen, sind regelmäßig stattfindende Schiffsversteigerungen.

Es gibt 18 Warenarten mit denen gehandelt werden kann, auch hier gibt es einige Stolpersteine für "Binnenland-Bewohner". Wer bei "Geschirr" an edles Porzellan aus Meißen denkt, wundert sich spätestens, warum Werften und Schiffsneubauten dieses erfordern. Hier geht es nicht um die Komplettaustattung von Küchen und Essräumen sondern um Takelage und andere wichtige Dinge auf dem Schiff, die als "Geschirr" bezeichnet werden. Pech, eine weitere Warenart, wird zum Beispiel zum Abdichten von Schiffen benötigt, Hanf dient nicht dem Genuss, sondern ist Rohstoff für Seile. Letztere heißen "op platt" übrigens "Reep" und wurden damals in langen Häusern auf "Bahnen" von Hand gedreht. Richtig....genau deswegen heißt die "Reeperbahn" in Hamburg-St.Pauli so, hier waren früher die Seilmacher des nahe gelegenen Hafens angesiedelt...

Das Warenbuch
 
Was ist aber eigentlich das Spielziel? Immer reicher werden? Weit gefehlt, auch wenn reicher werden beim Spielziel hilft. Ziel des Spiels ist es, in der Hanse Karriere zu machen. Dieser Weg ist erstens lang, zweitens schwierig und drittens....sauteuer! Als erstes müsst ihr in die Gilde eurer Heimatstadt eintreten, was fünfstellig Taler kostet. Dann müsst ihr sehen, das ihr in Eurer Stadt Bürgermeister werdet. Das kann man durch geschickte Bestechung im Badehaus begünstigen aber vorwiegend, in dem man was für die Stadt und die Bevölkerung tut. Das kann man auf vielfältige Weise tun: Spenden für das arme Volk ist relativ günstig, Spenden an die Kirche nicht grade.... Man kann wilde Feste ausrichten um sich beim Volk beliebt zu machen aber vor allem ist eines wichtig: Mit der eigenen Stadt handeln! 

Und hier rächt es sich, wenn man, wie oben beschrieben, nur Pendelhandel zwischen Brügge und Nowgorod betreibt. Dann ist man in der eigenen Stadt nahezu unbekannt und man wird nicht gewählt. Warum sollte man aber Bürgermeister werden wollen? 

Weil der einzige Weg, das Spiel final zu gewinnen der folgende ist: Man muss zum Oberhaupt der Hanse gewählt werden, dem Ältermann. Dieser kann aber nur aus den Bürgermeistern der Hansestädte gewählt werden....

Zwischendurch kann man auch, vermittelt durch einen Werber, heiraten und dabei eine Mitgift in Form von Schiffen abgreifen. Schon mein Großvater sagte zu mir: 

"Wenn Du arm geboren bist, kannst Du nix dafür. Wenn Du aber arm heiratest, haste selber Schuld!" 

Nach diesem Merksatz solltet ihr bei Patrizier eure Ehe "planen", auch wenn es wenig romantisch klingt.

Mit zunehmenden Spiel tauchen auch Piraten auf, die einem das Leben schwer machen. Dann kann man seine Schiffe bewaffnen, und gegen die bösen Buben kämpfen. Manchmal beschließt der Hansetag, der alle 2 Jahre stattfindet, das Aufstellen einer Anti-Piraten oder gar einer Kriegsflotte, wo jeder Händler seinen Beitrag, leider in Form von Schiffen, leisten muss. Es gibt viele liebevolle, humorvolle Details im Spiel. So kann man bei Festen / Hochzeiten nur zwischen wenig und vielen Gästen wählen, ohne zu wissen wie viele das nun sind.... Mehr als einmal litten meine Gäste Hunger und Durst und ich war erstmal unten durch bei den Leuten der Stadt.

In der Kneipe gibt es auch zwielichtige Leute, denen man ein Schiff überlassen kann. Als "Dank" bietet er einem dann hin und wieder Schiffe deutlich "unter marktüblichem Preis" an.... Aber, wie das damals so war...ab in die Kirche...Ablass kaufen und alles ist vergeben und vergessen.... oder? 

Historisch ist das Spiel übrigens großartig recherchiert. Nicht nur die Warenströme sind ganz gut dargestellt, auch historische Ereignisse wie Brände, Pest-Epidemien oder Boykottaktionen gegen bestimmte Städte treten in den korrekten Jahren auf. Zum Anfang brennt es immer in Brügge....

Irgendwann ist man echt reich, hat eine ansehnliche Flotte zusammen und muss sich dann darauf konzentrieren, erstmal Bürgermeister zu werden und sich dann in möglichst vielen anderen Städten durch Handel, Spenden, Gildenbeitritte und Feste beliebt zu machen, um Stimmen für die Ältermannwahl zu sammeln. Das dauert recht lange und ist vor allem eines: Unfassbar teuer! Wichtig ist aber auch, das man zu der Zeit nicht nur auf den Profit schaut, sondern auch mal mit einer Stadt handelt, wo man zwar nicht den großen Reibach macht, aber wo man Stimmen braucht....

Der Marktplatz im "Normalzustand"

Der Marktplatz als Meldungsbildschirm bei einem Feuer.....


....und bei der Pest!

Alles in allem ist Patrizier 1 ein großartiges Spiel, das ich sehr liebe. Es wirkt recht realistisch und man bekommt einfach viel vom Flair mit. Leider sind die Nachfolger, ich weiß da polarisiert meine Meinung, im Vergleich dazu regelrecht schlechte Spiele. Der Grafikstil von Patrizier 2 ist zum Beispiel sehr "generisch", es gab zur Jahrtausendwende zig Spiele die genauso aussahen. Das ganze Spielprinzip wurde über den Haufen geworfen, und an allen Ecken und Enden verschlechtert. Das ganze Flair ging verloren, das Spiel war eines unter vielen, Patrizier 1 war bei Veröffentlichung eine kleine Sensation.

Die Nachfolger waren deutlich komplexer, was sicherlich viele Leute schätzten, aber es war deutlich weniger Einsteigerfreundlich und eben überladen wirkend und nichts besonderes mehr. So geht es mir allerdings mit vielen Nachfolgern. Die Entwickler versuchen dann gern immer mehr Inhalt und Möglichkeiten in ein Spiel zu packen, simulieren aber im Endeffekt nichts davon richtig, statt sich einem Aspekt intensiv zu widmen. Zudem finde ich, das solche Spiele deutlich an Spielspaß verlieren. 

Der Patrizier 2

Zu der Zeit (2000), als Patrizier 2 herauskam, habe ich längst Anno gespielt....

Es gibt und gab bei Patrizier 1 immer die Kritik am Handelssystem, denn man kann mit seinem Schiff eine Stadt in Bezug auf eine Ware "leerkaufen", ohne das dies verhindert wird, oder sich der Preis verändert. Ein gewisser Retro-Podcast meint, das es bei Patrizier 2 realistischer gelöst sei, nämlich, das Waren beim Einkauf immer teurer werden (also das 1. Stück einer Ware günstiger ist, als das 20.). Das zeigt, das die beiden zwar gute Spiele-Redakteure sind, aber keine Ahnung vom Handel haben. Auch damals gab es schon sehr wohl Mengenrabatte und es wurden größere Mengen tendenziell eher günstiger als teurer.

Aber bei Patrizier 1 gibt es den legendären Pfeffertrick, der in der Tat unrealistisch ist. Alle paar Spieljahre taucht mal eine Ladung des begehrtesten und teuersten Gutes auf: Pfeffer! Mit dieser Ware lässt sich ein Vermögen machen, wenn man ihr denn habhaft werden kann. Die Computergegner sind dem Pfeffer ebenfalls wohlgesonnen und versuchen diesen aufzukaufen. Kommt man in eine Stadt und findet Pfeffer vor, sollte man alles kaufen, was man bekommen kann, notfalls mit einem noch so teuren Kredit. 

Der Pfeffertrick, der das recht einfache Preisberechnungssystem des Spiels ausnutzt, funktioniert wie folgt: Wenn eine Stadt Pfeffer im Angebot hat, ist dieser recht günstig: Man kauft allen Pfeffer einer Stadt auf. Dann legt man sein Schiff einen Tag auf Reede. Am nächsten Tag hat die gleiche Stadt keinen Pfeffer mehr, der Preis hat sich mehr als verdoppelt. Jetzt verkauft man mit hohem Gewinn. Man legt sich wieder einen Tag auf Reede, und die Stadt hat wieder günstigen Pfeffer.... der Trick beginnt von vorn. Diese Geschichte kann man prinzipiell endlos fortführen und so astronomisch reich werden.... 

Der Patrizier 1 ist, meiner Meinung nach, das beste Spiel der Serie. Grafisch ist es, auch heute noch, wunderschön gemacht, auch wenn die Grafiken nichts mehr sind, als "hübsche Menüs" und "Schaltflächen". Auch die Musik, besonders die Adlib-Variante oder die CD-Musik sind sehr stimmig. Die historische Recherche ist wirklich gut, es können z.B. auch alte Monatsnamen genutzt werden, im Rathaus findet man jeweils einen historisch korrekten Menüvorschlag und viele andere Details überzeugen einfach.  

Das sahen auch die zeitgenössischen Tests so, die das Spiel durchgehend loben und teilweise Wertungen im hohen 80er oder sogar 90er Bereich geben. Nur die PC Player und die Power Play bleiben im 70er Bereich. Die später erschienene CD-Rom Version wird teilweise kritisiert, sie hatte aber auch wenig Unterschied zum Original zu bieten.  

Fazit:

Patrizier 1 ist nicht zu Unrecht einer DER Klassiker der deutschen Wirtschaftssimulationen. Bei der Veröffentlichung war es ein Highlight, ein echter Premiumtitel aus Deutschland. Es ist ein historisch gut recherchiertes Spiel, das einfach zu bedienen, aber nicht ganz leicht zu gewinnen ist. Es macht aber sehr viel Spaß, besonders auch im "Multiplayer" (Hot-Seat Modus). Wir haben das Spiel damals sehr viel gespielt, allerdings ohne wirklich auf die Ältermann-Wahl zu achten, sondern eher um zu sehen, wer wohl der Reichste von uns wird. Grafisch ist das Spiel auch heute noch hübsch und stimmungsvoll, das Spielprinzip ist zeitlos. Ein Klassiker wie er im Buche steht.   


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