Retrospiele: The Need for Speed

 

Mitte der 1990er Jahre kamen einige Rennspiele auf den Markt, die das Genre definieren sollten und als Benchmark für alle weiteren Titel galten. Eines davon ist für die Spielegeschichte auf dem PC essentiell: The Need for Speed von Pioneer Productions / EA Canada. "Pioneer Productions" war kein Unternehmen sondern ein Team innerhalb von EA Canada.


Man kann die Rennspiele der 90er grob in 3 Kategorien einteilen: Fun-Racer, Edel-Racer und Special Interest. Um es mal an einem Beispiel aus der analogen Welt klarzumachen: Need for Speed ist ein Spiel wie ein Hochglanzkatalog (realistische Fahrzeuge, edle Optik, viel Information, relativ leicht zugänglich), Bleifuß dagegen eher wie die Bild-Zeitung (laut, effekthascherisch, etwas billig, sehr leicht zugänglich) und Formula One Grand Prix ist wie ein Fachbuch (realistisch, sehr exakt aber mit hoher Einstiegshürde und Einarbeitungszeit). Auf anderen Systemen (besonders der Playstation) war es sehr ähnlich: Dort gab es damals den realistischen Edelracer Gran Turismo und den etwas weniger realistischeren Fun Racer Ridge Racer.

Diese Spiele definierten in den 90ern wie Rennspiele des jeweiligen Sub-Genres zu sein hatten und teilweise müssen sich die heutigen Rennspiele weiterhin mit den Serien messen.

Für den PC war The Need for Speed eine Zeitenwende. Nie zuvor gab es ein Spiel das derart realistisch rüberkam. Auf die Vorgeschichte von "NFS" bin ich ja schon in mehreren Artikeln zu DSI und Stunts/4D-Sports Drivin eingegangen. Deshalb an dieser Stelle nur soviel: Need for Speed lässt sich in direkter Linie auf Test Drive 1+2, Stunts aber auch auf Outrun zurückführen. Teilweise waren die selben Leute beteiligt, die früher bei DSI und jetzt eben bei EA tätig waren.

Das Team von Need for Speed

Und so wirkt NFS auch wie eine Mischung aus den Spielen: realistische Fahrzeuge und Fahrzeugdaten aus Testdrive/Stunts, die Idee der Strecken mit Teilabschnitten aus Outrun (wo es sogar ähnliche Landschaftsarten gab), Rundkurse aus Stunts. Nur wurde in NFS alles sehr viel besser und edler umgesetzt.

Ich weiß nicht wie viele Leser das wissen: Need for Speed war kein reines DOS-Spiel. Es kam 1994 zuerst für die gefloppte 3DO Konsole heraus und wurde erst 1995 auf DOS umgesetzt. Die 3DO Version, die ich in meiner Sammlung hatte, war multimedialer und hatte auch eine Story: Es gab einen Dauergegner namens "Mister X", der in den folgenden Versionen ersatzlos gestrichen wurde. Ich behandele hier jetzt aber die bekanntere DOS-Version.

Das Menü der 3DO-Version

Schon wenn man das Spiel installiert, wurde eine Duftmarke gesetzt: Die Fortschrittsanzeige entsprach einem Drehzahlmesser. Startete man das Spiel war es eine Offenbarung: Ein cooles Intro-Video führte zu einem Menü das von rockiger Musik unterlegt war. Überall sah man dabei einen Schriftzug den man in Deutschland nicht kannte: "Road & Track presents". Road & Track ist ein amerikanisches Automagazin, vergleichbar mit der deutschen "Auto Motor & Sport". Diese Zeitung hat die Produktion begleitet und war für die Fahrzeuginformationen und vor allem die Videos zuständig. 

Das Menü der DOS-Version

Im Menü konnte man oben rechts auswählen, welche Art von Rennen man fahren wollte: Ein Rennen gegen alle möglichen Autos (The Pack"), gegen Autos einer bestimmten Klasse, ein "Head-to-Head" gegen einen Gegner oder eben ein Zeitrennen. Links darunter konnte man sich sein Auto auswählen. Folgende Autos standen zur Wahl, die man in 3 Gruppen einteilen konnte:

1. Japanische Sportwagen 

Mazda RX-7
Toyota Supra
Honda NSX

2. Sportwagen

Porsche 911
Chevrolet Corvette ZR-1
Dodge Viper RT/10

3. Super-Sportwagen
Ferrari 512 TR
Lamborghini Diablo VT

Diese 3 Gruppen kommen im Spiel vor, sie entsprechen verschiedenen Geschwindigkeitsklassen.  Alle Fahrzeuge werden in einem kleinen Video durch einen Sprecher vorgestellt, was damals sehr ungewöhnlich war. Für diese Präsentation war "Road & Track" verantwortlich, der deutsche Sprecher war der 2018 verstorbene Egon Hoegen (bekannt aus dem "7.Sinn"). Die Videos haben die Anmutung der berühmten BBC Sendung "Top Gear". Im anglo-amerikanischen Raum hat sich ein Wort dafür etabliert, das es sehr gut beschreibt: "Car-Porn". Need for Speed war Car-Porn vom Feinsten.

Der Showroom der Viper

Nach Auswahl der Autos ging es an die Streckenauswahl. Zur Wahl standen:

1. Straßenstrecken (bestehend aus 3 Teilstrecken mit öffentlichem Verkehr)

City

Ein Highspeed Kurs auf einer Stadtautobahn mit einigen Tunneln aber breiter Streckenführung. Ideal zu fahren mit dem Ferrari oder dem "Lambo", der nur hier seine Höchstgeschwindigkeit von über 320 Kmh erreicht.

Ein NSX auf dem Stadtkurs

Coastal

Wunderschöner Kurs entlang einer Küste mit hügeliger Landschaft und einigen Grafik-Gimmicks wie z.B. Heißluftbalone am Himmel auf der ersten Teilstrecke. Es ist die bekannteste Strecke bei Need for Speed. Sie endet an einem Leuchtturm, eine Szene die man im späteren Film (siehe unten) wiederfindet. Die Strecke ist deutlich schmaler, kurviger und schöner als der Stadtkurs. Hier ist der Ferrari im Vorteil, der sich vom Handling besser fährt als die "Lambo-Rakete".

Mit dem Porsche 911 entlang der Küste

Alpine

Ein wirklich hübscher, aber recht schmaler, Kurs, der sich durch in eine alpenähnliche Gegend schlängelt. Es gibt eine Reihe Hügel, viele enge Kurven und schöne Landschaft zu sehen. Hier sind auch langsamere Wagen wie der 911er oder die Corvette gegenüber den schnelleren Boliden konkurrenzfähig, weil es hier nicht unbedingt auf die "Vmax" ankommt. 

Viper vor Alpenkulisse

2. Rundkurse

Rusty Springs Speedway
Sehr schneller Wüstenrundkurs in hübscher Aufmachung. 

Im Diablo durch die Wüste...

Autumn Valley

Vermutlich der schönste Kurs des Spiels. Ein Rundkurs mit vielen Bäumen im "Indian Summer" Look, der einfach eine Freude zu fahren ist.

...und durch den Indian Summer

Vertigo Ridge

Eine wunderschöne "covered bridge"

Aus irgendeinem Grund mein Lieblingsrundkurs. Es geht durch eine leicht bergige Küsten-Landschaft (mit Wasserfall) die sich zum Ende des Tracks durch einen kleinen Wald schlängelt. Auf dieser Strecke schlage ich mit dem Toyota Supra jedes andere Fahrzeug, weil es eine "Handlingstrecke" ist. Besonders in den Kurven, der "covered Bridge" und im Waldstück kommt es auf das Handling und die "Elastizität" des Fahrzeugs an. Von der reinen Höchstgeschwindigkeit hat man hier nicht viel.

Der Ferrari auf dem Vertigo Ridge Kurs

Lost Vegas (Bonus-Strecke für das Gewinnen aller Rennen)

Absolut irre, unrealistische, Vollgasstrecke quer durch Las Vegas. Zuerst ganz nett, aber wenn man ehrlich ist, die schwächste Strecke des Spiels.

Streckenunterschiede

Auf allen Straßenstrecken gibt es "normalem" Straßenverkehr, also auch Gegenverkehr! Rundkurse hat man natürlich für sich allein. Die Straßenkurse liebe ich besonders, weil es eben Gegenverkehr und auch Polizei gibt. Letztere wird durch einen Radarwarner im Auto rechtzeitig angekündigt. Hier kann man sich also zusätzlich zum/zur KI-Gegner/Gegnergruppe auch noch epische Verfolgungsjagden mit der Polizei liefern. Grade auf der kurvig-hügeligen Alpine-Strecke ist das sehr spaßig. Hier konnte ich meine "Überraschungstaktik" ausspielen. KI-Gegner, also auch die Polizei, versuchen immer im Windschatten zu fahren und dann zu überholen. Das bedeutet das sie einem auch stur auf die Gegenspur folgen. Jetzt fährt man einfach mit Vollgas auf die Gegenspur und weicht dem entgegenkommenden Fahrzeug im letzten Moment aus und....Überraschung...guckt sich das folgende Spektakel im Rückspiegel an.... 😁.

Wenn einen die Polizei erwischt bekommt man einen Strafzettel, wenn man es übertreibt kann man auch verhaftet werden. 

Leading in Speeding....

Auf den Rundkursen geht es hingegen nur auf Zeit und gegen die Gegner. Hier sollte man also über die Zeitrennenfunktion die Strecke ordentlich üben. Dann muss man sich nur am Start an den Konkurrenten vorbeidrängeln und seinen "Stiefel" fahren. In der Zeitfunktion ist NFS auch ein echtes "Highscore-Spiel", da es für jeden Kurs eine Rundenrekordliste gibt...

Die Fahrphysik war sehr realistisch umgesetzt auch Features wie Traktionskontrolle oder ABS wurden nicht unterschlagen. Man konnte auf der Strecke umdrehen und konnte auch "Donuts" und Striche auf die Straße "malen", was mich zur Grafik führt.

Die VGA Grafik (640x480 bei 256 Farben) war damals bahnbrechend. Die Fahrzeuge sahen in den jeweiligen Ansichten (Heckansicht, Cockpit, Motorhaube) wiedererkennbar realistisch aus, wenn auch von außen etwas detailarm. Für jedes Auto wurden die Cockpits nachgebaut und die Originalsounds gesampelt, was ein sehr realistisches Fahrgefühl ergab.
Spaßig war es, wie beschrieben, manchmal auch kein Rennen zu fahren sondern zu sehen, was man mit dem Auto so anstellen konnte. Also z.B. "Donuts" und "Beschleunigungsstriche" ziehen oder rauszufinden, was eigentlich beim Diablo so abgeht, wenn man bei 300kmh die Handbremse zieht 😁.

Lambo Donuts...

Wie bei "Stunts" konnte man nämlich seine Rennen oder sonstige "Taten" hinterher im Replay ansehen. Was haben wir damals nicht alles mit den Autos angestellt und "gefilmt".... Gut das es kein echtes Schadensmodell gab...

In den zeitgenössischen Tests kommt Need for Speed entsprechend gut weg. In den anglo-amerikanischen Zeitschriften wird auch schon mal eine Wertung jenseits der 90% gegeben in Deutschland zwischen 84 und 85 (PC-Player/PC Joker/PC Games). Die Meinung, das das Spiel nur 69% verdient hat, hat die Powerplay europaweit exklusiv. Ein Kritikpunkt ist allerdings berechtigt: Es gab bessere Spiele was das Geschwindigkeitsgefühl anging, was aber auch an der opulenten Grafik und den damit verbundenen Hardwareanforderungen des Spiels lag. Das sollte sich erst mit der Special Edition des 2. Teils ändern, denn dort wurde dank 3dfx Unterstützung ein Geschwindigkeitsgefühl erzeugt, das auch heute noch beeindruckend ist.

1996 kam noch eine Special Edition des 1. Teils auf den Markt, die ein Bonusfahrzeug ("Warrior") und 2 neue Strecken (Burnt Sienna und Transtropolis) enthielt. Das Spiel war eher ein "Upgrade" denn es enthielt leichte Grafikverbesserungen und einen "echten" Multiplayer-Support via Netzwerk. In der normalen Variante war nur Nullmodem möglich. Für 35DM konnte man übrigens die alte Version gegen die neue "tauschen", was ich fair finde, denn die Vollversion kostete normalerweise so zwischen 79 und 99 Mark.

Aus Need for Speed wurde danach die am längsten laufende und erfolgreichste Rennspielserie aller Zeiten. Insgesamt gab es bis heute (2021) insgesamt 26 Teile der Serie (ohne Special Editions), 23 davon kamen auch für den PC raus. Nach dem Erfolg der Filmreihe "The Fast & the Furious" kamen einige Teile zum Thema Tuning-/Straßenrennszene heraus, was nicht so mein Stil ist.
Auch wenn die Teile von den Spielern und der Kritik sehr unterschiedlich bewertet wurden, ist die Need for Speed Reihe mit über 150 Millionen verkauften Spielen eine der erfolgreichsten Videospielreihen überhaupt.

Den Impact der "Fast and Furious" Filme auf die Serie kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Beispiel gefällig? Das 1999er Need for Speed Hot Pursuit verkaufte sich damals unglaubliche 1,7 Mio mal, keiner der Nachfolger der kommenden Jahre erreichte den Wert wieder. Nachdem 2001 der erste Film abgeräumt hatte brachte man 2003 Need for Speed Underground heraus.... es verkaufte sich unfassbare 15 Millionen mal, Underground 2 (2004) 11 Mio mal und der 2005er Teil "Need for Speed Most wanted" ist mit 16 Mio Verkäufen der erfolgreichste Teil der Serie. Kein späterer Teil kam auch nur auf die Hälfte dieser Verkaufszahlen. EA hatte den Trend perfekt erkannt und hatte die Erfolgswelle exakt "geritten".
Nur mal zum Vergleich: Der Film hat bei einem Budget von 38 Mio $ damals weltweit etwa 207 Mio $ eingespielt. Legt man für die NFS Underground I-Verkäufe nur einen Durchschnittspreis von 40 € pro Spiel an, dann hat allein der Teil mit 600 Mio $ das 3-fache des Films eingespielt.... Selbst bei Zugrundelegung eines Spielepreises von 20$ pro Version sind es noch fast 100 Mio $ mehr als der Film... Insgesamt dürfte EA mit den verschiedenen "Tuning-Versionen" deutlich über 1 Milliarde $ verdient haben und musste für das Spiel ja nicht mal Lizenzgebühren zahlen. Ob es da wenigstens mal ein Dankeschön von EA in Richtung Universal Studios gab? 😁

Das erste Need for Speed ist leider etwas in Vergessenheit geraten, man kann es heute legal nur noch, relativ teuer, gebraucht bei EBay oder auf Flohmärkten kaufen. Weder im EA Store noch bei den anderen "üblichen Verdächtigen" Shops gibt es die Version zu kaufen. Selbst im Netz bekommt man Probleme, wenn man nach Need for Speed sucht: Entweder man findet Infos zum Film oder zu dem Spiel gleichen Titels aus dem Jahre 2015.
Einige Titel aus der NFS-Serie möchte ich hier später noch einzeln behandeln, weshalb ich jetzt hier einen "Cut" mache.

2014 brachte Dreamworks ein Film zu dem Spiel heraus. Ich habe ihn mir angesehen und muss sagen, das ihn, verglichen mit vielen anderen Spieleverfilmungen, doch recht gut finde. Der Film kommt keinesfalls an "The Fast & the Furious" ran, aber es ist trotzdem gutes Popcorn-Kino für Autofans.
Die Handlung des Films und auch die Schauspieler verblassen gegenüber den Supercars, die klar die eigentlichen Hauptdarsteller sind. Mit von der Partie sind: Bugatti Veyron Super Sport, Shelby Mustang GT500 KR, Koenigsegg Agera R, Lamborghini Sesto Elemento, Mc Laren P1, Saleen S7 und der GTA Spano. Der Film ist daher Carporn vom allerfeinsten, zumal wohl niemand alle diese Fahrzeuge in seinem Leben live zu Gesicht bekommen wird. Es sind teilweise limitierte Sondereditionen bzw. Concept Cars mit einem Preisschild im Millionenbereich. Ich selbst habe davon bisher nur den P1 live gesehen, aber auch nur weil es in Düsseldorf einen Händler dafür gibt, der hin und wieder auf der A52 damit unterwegs ist. Schon ein Highlight die Rakete mal live zu sehen...   

Fazit:

The Need for Speed war der Start der sehr erfolgreichen Serie, aber es war auch schon in der ersten Version ein wirklich gutes Spiel. Edel in der Aufmachung kam es mit viel Realismus und schönen Strecken in schöner Grafik daher und stellte den Benchmark für PC-Rennspiele seinerzeit dar. Für mich selbst sind die Need for Speed Spiele DIE Rennspiele auf dem PC, auch den ersten Teil spiele ich gern hin- und wieder mal.  

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

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