Firmenportrait Electronic Arts Teil 2: 1991-2001



Kleiner Hinweis vorab: Die Geschichte von EA verästelt sich in den 90ern extrem stark, die Firma gründet viele Tochterfirmen und published extrem viele Spiele. Um es etwas zu kanalisieren bespreche ich hier nur die wichtigsten Titel ohne Anspruch auf Vollständigkeit.  

Nachdem 1991 der Gründer Trip Hawkins das Unternehmen verlassen hatte und Larry Probst übernahm, entwickelte sich Electronic Arts zu einem großen und wichtigen Spieleunternehmen. Die schon beschriebene Übernahme von Distinctive Software spülte viel Know-How ins Unternehmen, das jetzt mehr auf eigene Entwicklungen zusätzlich zum Publishing setzen sollte.

John Madden Football II (1991/1992)

1992 kamen einige wichtige Titel auf den Markt, darunter John Madden Football II, Car & Driver, Powermonger sowie das Adventure The Lost Files of Sherlock Holmes. Wichtiger war aber eine weitere Übernahme, denn 1992 übernahm EA Origin Systems, den Schöpfer der Ultima und Wing Commander Serien. Dieses geschah, ich habe es im Origin Artikel schon beleuchtet, aus Gründen der fehlenden Vertriebspower von Origin, die nur sehr wenige, aber teilweise bahnbrechende, Spiele veröffentlichten.

Car & Driver (1992)

Kleiner Exkurs zu den Übernahmen von Electronic Arts:

Auch die weiteren großén Übernahmen in dem Jahrzehnt, namentlich Bullfrog, Westwood und Maxis fanden aus dem selben Grund statt. Ich möchte das kurz in einem kleinen Exkurs näher erklären:

Viele Fans der genannten Studios verurteilen die Übernahme und nicht wenige hassen EA deswegen. Die Übernahmen waren aber keinesfalls feindlich, sondern die Unternehmen haben sich sozusagen EA an den Hals geworfen. Warum war das so? Das hatte 2 Gründe:

1. Vertriebsgründe, besonders der sogenannte "Shelf Space"

In Amerika fand, früher als in Deutschland, der Games Vertrieb über große Ketten wie Wal-Mart, Best Buy, Radio Shack oder Gamestop statt. Die großen Ketten, ich weiß das aus eigener Erfahrung als langjähriger Abteilungsleiter im Elektronikhandel, vermarkten ihren Platz sehr clever. In allen Ketten wird der "Quadratmeter-Umsatz" bzw. der "Regalmeterumsatz" berechnet, der natürlich steigen muss. Im Gamesbereich wurden schon Ende der 80er ganze Regalmeter an gewisse Publisher "vermietet". Das ist heute in Deutschland nicht anders: In jedem Elektonikmarkt hat z.B. AVM Regalmeter "gekauft", genau wie Koch Media oder AK Tronic ("Software Pyramide") für Software.

Machen wir das mal an einem fiktiven Beispiel mit "Origin" fest:

Stellt euch vor Origin spricht mit einer Kette wie z.B. Media Markt und sagt: "Hey, wir sind Origin Systems. Wir bringen 1-2 Spiele pro Jahr heraus, die technologisch absolute Weltspitze sind, aber auch die allerneuste Hardware erfordern und zudem auch preislich ganz oben sind". Der Mediamarkt überlegt was das für den Regelmeterumsatz bedeuten könnte.....

Gleichzeitig spricht EA mit Mediamarkt: "Hey, wir sind EA! Wir garantieren euch durch unsere verschiedenen Studios 50 neue Spiele pro Jahr, das volle Programm von einfachen Spielen im Low-Budget Bereich bis hin zu Blockbustertiteln und den neusten Grafikwundern. Wir haben für jeden Kunden das passende Spiel im Portfolio".

Ihr merkt woraus das hinausläuft, ja? EA hat eine riesige Marktmacht in den Läden und damit Origin seine Software breit in den Verkauf bekommt, mussten sie sich einem der "Großen" anschließen. Origin alleine war zu klein, bei EA rundet Origin das Portfolio "nach oben hin" ab. Mit EA ist Origin überall vertreten, ohne leider nicht.  

Alle 3 Studios (Origin, Westwood, Bullfrog und Maxis) haben fraglos geniale und bahnbrechende Spiele herausgebracht, aber vom Output her waren sie zu klein, um wirklich große Umsätze zu tätigen.

2. Risikostreuung 

Dadurch das die Studios einen relativ geringen Output hatten, war das nächste Spiel fast immer ein "Do-or-Die" Titel. Richard Garriot hat mal gesagt, das Ultima 7 Teil 1 das erste Spiel in seiner Karriere war, bei dem er wusste, das es noch ein weiteres Ultima Spiel geben würde. Wenn mal ein Spiel nicht läuft (*hust* Ultima 9 *hust*) kann das schnell das Ende des Studios bedeuten. Unter den Fittichen eines großen Unternehmens kann das eher abgefangen werden. Es geht einfach um Dinge wie Vorfinanzierung von länger laufenden Projekten.

 Weiter mit der Geschichte von EA:


NHL Hockey (1993)

Im Jahr 1993 gab es mit NHL Hockey und World Tour Tennis erste Eigenentwicklungen im Sportbereich durch EA Canada zu verzeichnen. Ansonsten wurden in dem Jahr viele Hits im Publishing Bereich gelandet, so z.B. Populous II, Sim City 2000, Strike Commander, Wing Commander Privateer und Syndicate. Alle diese Spiele wurden von Studios entwickelt, die EA im Laufe des Jahrzehnte komplett übernehmen sollte: Bullfrog, Origin, Maxis und Westwood.

(FIFA International Soccer (1994)

1994 fand EA dann, über EA Canada, endgültig die Erfolgsformel für Sportspiele oder, wie andere meinen, die Lizenz zum Geld drucken. 1994 kamen mit NHL95 und FIFA International Soccer sehr erfolgreiche Titel auf den Markt, die bis heute laufende Serien begründen sollten. Hinzu kam mit dem Titel Desert Strike ein Überraschungshit, der allerdings aufgrund der Golfkriegsthematik nicht unumstritten war. 

Desert Strike (1994)

Im Publishingbereich blieb man seiner Linie treu und brachte jeweils neue Versionen von Sim City 2000 (CD-Version), Ultima und Wing Commander heraus. Es kamen aber auch neue Konzepte wie Theme Park, Magic Carpet oder System Shock auf den Markt, wie gesagt, alles keine EA Eigenentwicklungen.

Theme Park (1994)

1995 kamen, neben einigen weiteren gepublishten Titeln und dem Sequel zu Desert Strike, Jungle Strike, die Serien auf den Markt, die EA zu einem Giganten werden lassen sollten. In diesem Jahr kamen zum ersten Mal alle Sportserien in einem Jahr heraus, die man bis heute kennt: FIFA Soccer 96, NBA Live 95, NHL96, PGA Tour 96 und Rugby World Cup 95. Viele dieser Titel kamen von EA Canada, von denen in dem wichtigen Jahr 1995 auch DIE PC-Rennspielserie schlechthin entwickelt wurde: The Need for Speed!

Need for Speed (1994)

Im folgenden Jahr wurden weiter Titel von den übernommenen Studios gepublished aber auch viele Maxis Titel wie Sim Farm, Sim Earth und andere. Das weit wichtigere Standbein waren aber die boomenden Sportspiele, die in den kommenden Jahren in rauen Mengen erschienen, zu erkennen am dem Titel "Sportart + Jahreszahl" (meist die des Folgejahres). 1996 kamen z.B. College Football 97, Madden NFL 97, FIFA Soccer 97, NBA Live 96 und 97, NHL 97 sowie PGA Tour 97 heraus. Die neu gestartete Simulationsserie "Jane's Combat Simulations" fiel da schon kaum mehr auf, auch wenn es sehr ambitionierte Spiele waren, aber im Vergleich zum Erfolg der Sporttitel gingen sie genauso unter wie der 2. Teil von "The lost Files of Sherlock Holmes".

Jane's ATF Fighter (1996)

In den folgenden Jahren konzentrierte sich EA fast nur noch auf Sportspiele, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte, weil es einfach "Jahrgänge" der immer gleichen Serien sind. Im Jahr 2000 kam die Formel 1 und Cricket hinzu. 

Zudem wurde die erfolgreiche Need for Speed Serie fortgesetzt, und zwar 1997 mit Need for Speed II und 1998 mit der Special Edition der zweiten Version. Ende 1998 wurde mit Hot Pursuit der 3. Teil gelauncht, bereits 1999 kam mit "Brennender Asphalt" der 4. Teil. 

Need for Speed 4 (1999)

Im Jahr 2000 kam einer der, nicht nur meiner Meinung nach, besten Titel der Serie raus: Need for Speed "Porsche", in anderen Ländern als "Porsche Unleashed" bekannt. In dieser Version ging es exklusiv um die Modellgeschichte der Marke Porsche. Besonders genial war der "Werksfahrer-Modus", in dem man sich hocharbeiten und im Laufe der Zeit alle Porsche Modelle der Geschichte fahren musste. Hier ging es weniger um Rennen sondern um Geschicklichkeit, Auslieferungen von Fahrzeugen und um das Standing gegenüber den Kollegen. Sehr erfrischendes Spiel mit tollem Geschwindigkeitsgefühl. 

Need for Speed Porsche (2000)

Für viele Spieler der 90er war entscheidender, das EA 1998 Westwood (und damit die beliebte "Command & Conquer" Serie) sowie ein Jahr zuvor Maxis übernahm. Damit gehörte auch das große Konvolut an "SIM..." Spielen zu EA. Daraus sollten sich Anfang der 2000er die damals meistverkauften Spiele aller Zeiten entwicklen...die SIMs.  

Es gab noch weitere, weniger bekannte Firmen, die EA auf der "Shopping Tour der 90er" übernommen hat: Manley & Associates Inc. (1996 übernommen und in EA Seattle umbenannt), ABC Software (1998), Tiburion Entertainment (1998, umbenannt in EA Tiburion - verantwortlich für "Madden NFL"), Playnation, Kesmai (beide 1999) und 2000 Dreamworks Interactive, das heute DICE L.A. heißt. Letzteres Studio war die Keimzelle der Medal of Honor Reihe, aber auch an den Herr der Ringe Spielen sowie an einigen Command & Conquer Teilen beteiligt.

Medal of Honor (Playstation I)

In der Rückschau betrachtet war EA Anfang der 90er ein (auf dem PC) eher unbedeutender Publisher mit nur wenigen eigenen Titeln. Durch die Übernahme von Distinctive Software baute man das Entwicklerportfolio stark aus und konzentrierte sich auf die beiden Cash-Maschinen: Sport- und Rennspiele. Durch den Erfolg und die schiere Masse an Spielen kaufte EA weitere kleinere, aber legendäre, Entwicklerstudios auf, die vorher ohnehin schon von der Publishing und Marketingpower von EA profitierten.

Am Ende des Jahrzehnts war ein Gigant entstanden, der den stark aufstrebenden Gamesmarkt dominieren sollte. Nicht unbedingt was Kreativität oder neue Spielideen anging, EA zeigte eher, was für gigantische Umsätze man mit nur wenigen Serien und dem richtigen Marketing einfahren konnte. Spätestens Ende der 90er war nichts mehr über von dem Gründungsmythos eines kleinen Publishers, der das künstlerische in den Spielen und seine Autoren fördern wollte. EA war zu einer "Spielefabrik" geworden, die kreative Studios wie Bullfrog, Origin, Maxis oder Westwood kurz nach der Übernahme stark verkleinerte oder einfach ganz schloss. Auch daran merkt man, was für eine Dominanz die Sport- und Rennspielserien EA-intern gehabt haben müssen, das man die anderen Studios einfach untergehen ließ.  

Um es nochmal zu verdeutlichen: In der FIFA Serie kamen seit 1993 (also in 28 Jahren) sage und schreibe 45 (!!!) Titel allein für den PC raus. Nicht alle davon hießen FIFA, einige Titel waren auch zur Europameisterschaft oder zu Weltmeisterschaften, basierten aber auf den vorherigen FIFA Titeln. Seit 1991 kam jedes Jahr ein NHL Titel auf den Markt, hinzu kommen von 1995 bis 2014 jedes Jahr ein NBA-, seit 1988 jedes Jahr mindestens ein NFL Football-Titel und seit 1995 sage und schreibe 26 Need for Speed Spiele.

Seit Ende der 90er/Anfang der 2000er besitzt EA für alle oben genannten Sportspielserien die nahezu weltweiten Exklusivrechte an den Ligen mit ihren Vereinen, Logos und Spielernamen. Dieser Marketingcoup sichert EA den Erfolg, auch wenn es technisch evtl. bessere Sportspiele gibt.

Fazit:

Electronic Arts entwickelte sich in den 90ern von einem kleinen Publisher zu einem der dominierenden Player der Spielebranche. Durch Zukäufe erweiterte man das Portfolio und die Schlagkraft, Mitte der 90er stieß man dann auf die Goldader der Sportspiele, die bis heute die "Cashcow" von EA ist. In den 2000ern wird EA in weitere Bereich vorstoßen, die sehr erfolgreich sein werden. Man denke an den Hype der "Sims" Spiele oder erfolgreiche Filmumsetzungen wie "Harry Potter".  Die getätigten Übernahmen waren wirtschaftlich für beide Seiten notwendig und verständlich. 

Unverzeihlich bleibt aber das, was EA aus Westwod, Bullfrog, Origin und Maxis gemacht hat. In der Regel wurden die Studios runtergefahren bzw. geschlossen und jede Kreativität getötet. EA war nicht an kreativen, genialen und innovativen Spielen interessiert, sondern an immer neuen Teilen der erfolgreichen Franchises. Wozu das führt sah man an den Sims.... 

Hinweis: Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (http://www.mobygames.com).

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