Retrospiele: The Lost Files of Sherlock Holmes II: The Case with the Rose Tattoo

 

Der zweite Teil des, wieder von Mythos Software entwickelten und über EA veröffentlichten, "Lost Files" Spiels kam 1996, also vier Jahre nach dem ersten Teil, nur für DOS auf den Markt. Auch wenn das Entwicklerteam identisch war, sieht man an dem Spiel sehr gut die rasante Entwicklung der PC-Spiele in den 90ern.

War im 1. Teil die Sprachausgabe im Intro noch neu und überraschend, ist der zweite Teil, der CD-ROM sei dank, komplett vertont. Der Grafikstil hat sich ebenfalls total verändert: Die wunderschön gezeichneten Grafiken des ersten Teils sind gerenderten Hintergründen und davor agierenden digitalisierten Schauspielern gewichen. Besonders die Lichtstimmung ist leider nahezu komplett verloren gegangen. Die Grafik wirkt dadurch leider sehr "steril" und die Bewegungen der Personen etwas hölzern. Generell finde ich das Spiel, im Vergleich zum ersten Teil, grafisch deutlich weniger schön und atmosphärisch, aber die fast foto-realistischen Grafiken haben auch ihren Reiz. Die gefilmten Schauspieler gehen auch auf Erfahrungen aus der 1994er 3DO Variante des ersten Spiels hervor, wo es in den Dialogportraits ebenfalls schon echte Schauspieler zu bewundern gab. Zusammen mit dem geänderten Grafikstil fällt natürlich auch sofort das komplette fehlen eines klassischen Interfaces auf. Das Verben-Interface wurde komplett durch ein kontextsensitives Menü ersetzt, das mit den Maustasten aufgerufen wird. Wie ihr seht, ist der zweite Teil ein ziemlich runderneuertes Spiel. Ich werde in diesem Text mit Hilfe einiger Beispielen auf die Unterschiede der beiden Spiele eingehen. 

Die Baker Street 221b im 2. Teil....

....und eine fast identische Szene aus dem 1. Teil

Dafür startet das Spiel, wahrsten Sinne des Wortes, mit einem Knalleffekt: Der Diogenes Club, in dem Holmes Bruder Mycroft verkehrt, wird Opfer eines Bombenanschlages. Holmes ist derart geschockt, das er nicht fähig ist zu arbeiten. So startet man zu Anfang mit Watson in die Ermittlungen und versucht mit diesem, Holmes zum Einstieg in den Fall zu bewegen. Das ist gar nicht so leicht...

Der zerstörte Diogenes Club

Der erste Akt spielt sich recht zäh, das Spiel macht erst richtig Spaß, wenn Holmes sich dem Fall annimmt. Gut umgesetzt ist der Unterschied in den Fähigkeiten der beiden Protagonisten: Holmes findet an den gleichen Orten viel mehr "Hotspots" als Watson. Damit soll rausgearbeitet werden, das Holmes einfach eine bessere Beobachtungsgabe hat. Watson hat dafür andere Fähigkeiten, die im Spiel noch nützlich sein werden. Gab es im ersten Teil noch recht wenig anklickbare Objekte pro Schauplatz, sind es im zweiten Teil, meiner Meinung nach, deutlich zu viele.

Die nebelverhangene Karte der Stadt

Die Spielmechanik ist ansonsten über jeden Zweifel erhaben. Es gibt, wie im ersten Teil, die Karte Londons auf der man zu den verschiedenen Orten reist. Dieses mal wird jedoch nach Anklicken eines Ortes als "Wartebildschirm" ein zeitgenössisches Foto des Ortes gezeigt, was ich sehr nett finde. Für mich als jemanden der sehr häufig in London war, sind diese Bilder ein wichtiger Teil der Atmosphäre. Generell ist die Authentizität des viktorianischen Londons in dem Spiel großartig umgesetzt und mit Händen zu greifen. Hier mal 2 Beispiele der historischen Bilder:




Die Story macht im zweiten Teil ein richtig "großes Fass" auf. Im ersten Teil löste man einen Mordfall vergleichsweiser lokaler Bedeutung, der zweite Teil beschreibt eine Verschwörung internationalen Ausmaßes. Es geht um den Plan einer Waffe die zu starken Verwicklungen auf politischer Ebene führt. Im Laufe des Spiels bekommt man es, unter anderem, mit dem deutschen Kaiser, seinen Spionen und Queen Victoria zu tun! Die Story ist spannend erzählt und enthält genug Twists, um einen immer wieder zu überraschen und zu unterhalten.

Das Labor im "Rose Tattoo"....

...und eine ähnliche Szene aus dem ersten Spiel

Schön finde ich das einige Fixpunkte aus dem ersten Teil, in modernisierter Form, erhalten geblieben sind. So gibt es, neben der schon genannten Karte der Stadt, wieder das Labor in der Baker Street für Untersuchungen, das altbekannte Krankenhaus, das wiedererkennbare Scotland Yard, den Straßenjungen Wiggins, und wieder die Möglichkeit eine Partie Darts zu spielen. Man fühlt sich dadurch gleich wieder etwas "heimisch" in dem Spiel und in "seinem" London.  

Darts im 1996er Holmes

...und im 1992er

An Rätseln wird dem Spieler das eine oder andere knackige Problem vorgesetzt, manchmal muss man schon sehr auf kleine Details achten. Ich empfand den zweiten Teil als schwerer im Vergleich zum Vorgänger. Es gibt insgesamt über 50 Locations (die nicht nur in London liegen) und über 90 Personen, mit denen man es zu tun bekommt. Das Spiel ist insgesamt deutlich komplexer als Teil 1, die Story fächert weiter auf und ist, wie schon beschrieben, eher eine Agenten- denn eine Detektivgeschichte. Trotzdem macht es viel Spaß in dem Spiel zu ermitteln und zu sehen, welche Kreise die ganze Geschichte noch zieht. Das namensgebende Rosen Tattoo ist übrigens story-technisch völlig egal, das Spiel könnte genauso gut "Sherlock Holmes und der Fall der alten Standuhr" oder so ähnlich heißen. 😁

Es gibt allerdings auch das eine oder andere fragwürdige Rätsel, da wäre manchmal weniger mehr gewesen. Ihr werdet euch wundern auf welche Art und Weise man z.B. im Spiel Leute weckt oder wie oft man an der nervigen Oberschwester im Krankenhaus vorbei muss....

Hier findet man das rosige Tattoo....


....und hier die Wunde des gezackten Skalpells

Highlight war für mich, als historisch interessierten Menschen, ganz klar das Treffen mit Kaiser Wilhelm dem II. zum Ende des Spiel, das wirklich schön umgesetzt wurde. Dennoch finde ich, das der erste Teil mehr atmosphärische Orte hatte wie Teil zwei, was aber auch daran liegen kann, das ich den gepixelten VGA-Stil sehr liebe. Eventuell bin ich da nicht objektiv... 😀 

Eine Szene im East End Londons

Trotzdem finde ich, das jeder, der den ersten Teil mochte, unbedingt den zweiten spielen sollte. Es ist eine andere Spielerfahrung, aber auf seine Art eine sehr schöne. Zudem ist es eine interessante Lektion in Sachen Spieleentwicklung der 90er, wenn man sieht, wie sehr sich die Technik in nur 4 Jahren weiterentwickelt hat. Heute kann man kaum erkennen, ob ein Spiel von 2016 oder von 2020 ist, damals waren 4 Jahre, bedingt durch die Quantensprünge in der Technik zu der Zeit, ein riesiger Unterschied.

Fazit:

Der 2. Teil der "Lost Files" Spiele gefällt mir weniger gut wie der 1. Teil, den ich für ein Meisterwerk der Adventuregeschichte halte. Der zweite Teil hat die komplexere, manchmal etwas zu hochtrabende, Story, entführt den Spieler aber in ein sehr authentisch umgesetztes London der viktorianischen Zeit. Spielerisch ist es grundsolide und gut umgesetzt. Wer Adventures in historischen Settings mag. sollte das Spiel unbedingt spielen. Meine Kritik am Grafikstil sollte niemanden abhalten, ich mag die Rendergrafik der ausgehenden 90er generell nicht so sehr. 😀. Spätestens wenn ihr vor Kaiser Wilhelm II. und später vor Königin Victoria steht, werdet ihr Stolz auf das im Spiel erreichte sein.    

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