Firmenportrait: Origin Systems - They created Worlds!


(Bildquelle: Wikipedia.org

Wer in den 80ern und 90ern einen PC zum Spielen besessen hat, kam irgendwann in den Kontakt mit Spielen der Firma Origin Systems und ihrem Motto: "We create Worlds". Als eines der besonders prägenden Unternehmen für die Entwicklung des PCs zur führenden Spieleplattform in dieser Zeit, möchte ich dem Unternehmen mal ein kleines "Spezial" widmen. 

Das Unternehmen geht zurück auf Richard Allen Garriot, der eine ganz spezielle und interessante Vita aufweist und eine besonders schillernde Figur in der Spielebranche ist. Ohne seine Vita wäre die Geschichte von Origin nicht zu erklären zudem ist seine Lebensgeschichte an sich schon interessant. Deshalb fließt ein Teil seiner Biografie mit in diesen Text ein. Ganz am Ende verlinke ich ein langes, englisches Youtube-Video eines Interviews mit ihm, das von "RMC - Retro Tea Break" geführt wurde.

Der Gründer  - Richard Garriot

Geboren in Cambridge, England, als Sohn des amerikanischen späteren NASA-Astronauten Owen Garriot besitzt er bis heute beide Pässe. Sein Vater hatte eine Gastprofessur in Cambridge, weshalb Richard dort 1961 auf die Welt kam. 1965 zog die Familie wieder zurück in die USA, wo sein Vater in Arizona an einem Astronautenprogramm teilnahm. Sein Vater Owen war 1973 und nochmal 1983 als US-Astronaut im All.

Richard Garriot wuchs zusammen mit seinem Bruder Robert in einer NASA-Siedlung auf. Gern wäre er in die Fußstapfen seines Vaters getreten, aber eine Augenkrankheit verhinderte eine Karriere als Astronaut. 

Richard Garriot entdeckte bald seine Leidenschaft und sein Talent für die Computertechnik, das von seinem Vater und seinen Schulen gefördert wurde. Er programmierte schon als Teenager erfolgreich an seiner Highschool. Er sagte einmal er habe, als Fan von Tolkien und Pen-and-Paper Rollenspielen, über 20 Fantasy-Computerspiele an der Highschool programmiert. Aus dieser Zeit stammt auch sein berühmter Spitzname "Lord British", erstmals verwendet auf einem Charakterbogen eines Dungeons & Dragons Rollenspiels - Ein Name der in die Computerspiel-Geschichte eingehen sollte. Sein erstes Spiel, geschrieben während seiner Highschool Zeit, war "D&D1", ein Spiel das noch auf Lochstreifen gespeichert war!

1979, während er in einem Computerladen jobbte, überzeugte er den Marktleiter davon, eines seiner Spiele in den Verkauf zu nehmen: Akalabeth, ein Hobbyprojekt von ihm. Dieses Spiel verbreitete sich sehr schnell, auch wenn es nur mit einer kopierten Anleitung in einem "Zip-Bag" verkauft wurde. Er bekam 5$ pro verkauftem Spiel als Erlös.... Das Spiel machte in mehreren Läden und Ketten die Runde und so verkaufte er im Jahr 30.000 Stück!!! Wenn man bedenkt wie viele Computer (Apple II) es damals gab, war es vermutlich eines der meistverkauften Programme. Zudem verdiente der Sohn jetzt mehr als sein Vater bei der NASA...genauer gesagt fast das 3-fache..... 😜

Akalabeth auf dem Apple II (1980). 
(Kleiner Tipp: Das Bild zeigt einen Ork-Angriff in einem Dungeon).

Die Gründung von Origin Systems

Akalabeth gilt heute als "Ultima 0", wo wir bei der Hauptserie wären. Richard programmierte nach dem Akalabeth Erfolg Ultima 1 und 2, die über Sierra Online veröffentlicht wurden. Nach einem Disput mit Sierra wurde für Ultima 3 "Exodus", zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater, die Fa. Origin Systems in Austin/Texas gegründet.

Der Rest ist Spielegeschichte: Ultima wurde zu einer der dominierenden Rollenspielserien besonders auf dem PC und kam auf 9 Teile und mehrere Ableger, einen davon Online. Berühmterweise übernahm Richard Garriot in den Spielen häufig die Rolle des Herrschers von Britannia, "Lord British". Auch auf Events und Presseterminen nahm und nimmt der Exzentriker und bekennender Mittelalter-Fan Garriot gern diese Rolle ein. 

Richard Garriot auf der GDC Conference 2018 (CC  BY 2.5 Lizenz)

1987 kam der 4. Teil der Ultima Serie, "Quest of the Avatar" genannt, heraus, der heute als Meilenstein gilt und für sehr viele Systeme portiert wurde, unter anderem z.B. auch für das SEGA Master System. Ultima 4 machte einen harten Schnitt zu den Vorgängern: Erstmals spielt das Spiel in der Welt von "Britannia", und hier wurden außerdem viele "typische Fanatasy Elemente" entfernt: so gibt es zum Beispiel kaum mehr Wesen wie man sie z.B. von Tolkien kennen würde. Ultima 4 startete seine eigene Welt und beschritt damit eine ziemlich eigenen Weg, verglichen mit den Wettbewerbern von damals.  

DOS-Version von Ultima 4 (1987)

Die Ultima Reihe war ein großer Erfolg und 1988 trat ein Mann ins Unternehmen ein, der für die zweite große Serie des Unternehmens sorgen sollte: Chris Roberts. Er war der Vater der Weltraum-Saga "Wing Commander" und des zugehörigen Universums. So kamen mit der Zeit nicht weniger als 7 Spiele (ohne Zusatzpacks/Erweiterungen) aus dem Wing Commander Universum hinzu, darunter auch das großartige Privateer.

Wing Commander I (1990)

Origins Spiele zeichneten sich immer dadurch aus, das sie technisch auf dem absolut neusten Stand waren. Spiele des Unternehmens waren Anfang der 90er berüchtigte "Hardeware-Fresser", die oft nur mit Boot-Disketten und speziellen Treibern zum Laufen zu bewegen waren. Und selbst das funktionierte auch nur auf High-End Maschinen. Der Lohn dafür waren damals unerreichte Spielerlebnisse. Als einer der ersten Firmen setzte Origin auf Sprachausgabe am PC, gern auch als zukaufbare Option ("Speech Pack"). Ab Wing Commander III (1994) setze man auf eine Symbiose aus Hollywood und Computertechnik: Die Ära der interaktiven Filme erreichte auch das Wing Commander Universum. Nach Wing Commander 4 (1996), dem letzten Teil, wurde Wing Commander von Hollywood 1999 verfilmt.

Blick auf die "Victory" in Wing Commander III (1994)

Die Ultima Reihe setzte Anfang der 90er zu ihrem Höhepunkt an, mit Ultima 6 "der falsche Prophet" (1990) und besonders mit Teil 7 1+2 (1992, Die schwarze Pforte + The Serpent Isle) gelangen Origin Meisterwerke der Rollenspielgeschichte. Besonders der 7. Teil bestach nicht nur durch seine sehr hübsche, wenn auch etwas ungewöhnliche, Grafik, sondern besonders durch eine nie dagewesene Freiheit in den möglichen Handlungen. Jeder Spieler aus der Zeit hat seine eigenen Geschichten vom Brot backen in der Bäckerei der Hauptstadt Britannia, vom Waffen fertigen, vom Bereisen der Welt mit Pferden, Schiffen oder fliegenden Teppichen.... es war wahrlich eine "Open World" die Origin da geschaffen hatte.

Schon 1992, fast zeitgleich zum Release von Ultima 7, kaufte allerdings Electronic Arts Origin auf, während das Unternehmen weiter wuchs. 1996 hatte Origin über 300 Mitarbeiter verteilt über viele Teams in den USA. Der Verkauf an EA zu dieser Zeit zog auch von EA sicherlich nicht zu erahnende Konsequenzen mit sich, was diese kleine Anekdote zeigt:

Was viele Spieler nämlich nicht wissen: Im Spiel gibt es eine Reihe Referenzen, die auf Electronic Arts verweisen, die schon damals einen nicht nur guten Ruf in Sachen Geschäftspolitik und Übernahmen hatten. Erst war es als Gag von Richard Garriot und seinem Team geplant, es bekam aber einen ganz anderen Touch, als EA später Origin übernahm.... 

Im Spiel waren eine Reihe "Eatereggs" eingebaut, zum Beispiel die beiden fiesen Hauptcharaktere (Elizabeth & Abraham), die man im Spiel jagt, die Symbole der 3 "bösen" Tugenden (Quadrat, Kreis und Dreieck.... "zufälligerweise" bestand das Logo von EA aus eben diesen 3 Symbolen) und, nicht so einfach zu bemerken: Im Spiel gibt es einen Piraten, der die 7 Meere umsicher macht, namens "Pirt Snikwah".... Wie man auf so einen Namen kommt? Nun ja, der CEO und Mitgründer von EA heißt "Trip Hawkins", der Name des Piraten ist also dessen Name rückwärts geschrieben....😁😂 

Im unten verlinkten Video beschreibt Richard Garriot sehr schön, das diese Eastereggs auch Thema  bei den Übernahmeverhandlungen waren: "Bevor ihr uns übernehmt, solltet ihr noch etwas über unseren neusten Titel "Ultima 7" wissen.... 😁". Die Entscheider bei EA hatten aber genug Humor und so ließ Origin das Spiel unangetastet... Diese Anekdote zeigt aber sehr schön den Humor von Richard Garriot.

Ultima 7 - The Black Gate (1992)

Zur Ultima Serie kamen noch die beiden "Ableger" Ultima Underworld I+II heraus, die allerdings nur von Origin gepublished wurden. Allgemein gelten auch diese Titel als bahnbrechend, ich selbst empfinde sie als etwas überbewertet. 

1993 kam ein Programm auf den Markt, das eine besondere Geschichte hat: Die Flugsimulation Strike Commander aus der Feder von Chris Roberts. Das Spiel war 4 Jahre in der Entwicklung, wurde mehrfach angekündigt und dann doch nochmal "umgebaut", verschlang angeblich 1 Mio Mannstunden und galt damals als eines der teuersten Spiele überhaupt....und als ein frühes Beispiel von "Vaporware". Das Spiel an sich war, Origin üblich, ein technischer Meilenstein, zumindest für diejenigen, die den passenden PC zu Hause stehen hatten... Zeitgenössische Medien stuften es damals als das, bis dahin, hardwarehungrigste Spiel der Geschichte ein.

Strike Commander (1993)

1994 kam mit Ultima 8 - Pagan der lang erwartete Nachfolger zu Ultima 7 raus, der aber zwiespältig aufgenommen wurde. Es handelte sich um ein Einzelplayer-Spiel (ohne Party) und brach auch mit einigen anderen Ultima-Standards. Es war kein totaler Flop, aber so richtig warm wurden viele Fans mit dem Titel nicht.

1997 kam mit Ultima Online, eines der ersten erfolgreichen MMORPGs, heraus, das so erfolgreich anlief, das Electronic Arts beschloss, die Marke Origin zu einer reinen Online-Marke umzubauen. 1999 kam noch, leider stark verbugt, Ultima 9 - Ascension heraus. Bis heute scheiden sich an dem Spiel die Geister, ich spiele es sehr gern. Allerdings gibt es mittlerweile (Fan-)Patches, die das Spiel überhaupt spielbar und vor allem durchspielbar machen. Zu Anfang gab es derart viele Bugs, das dies nicht möglich war! Aufgrund von schlechten Rezensionen und entsprechenden Verkäufen stellte EA alle weiteren Origin-Projekte ein. 

Ultima 9 - Ascension (1999)

Leider kam Ultima X aus diesem Grund nicht mehr auf den Markt, auch weitere Spiele wurden zugunsten der, letztlich langfristig nicht erfolgreichen, Online Strategie aufgegeben. Die eingestellten Projekte waren unter anderem Privateer Online, Ultima Online 2 und Harry Potter Online.

Leider ging es ab da mit Origin Systems stark bergab, 2004 wurde Origin in Electronic Arts "integriert", die Marke verschwand und wurde erst viel später als digitale Vertriebsplattform von EA wiederbelebt. 

Warum Origin von EA gekauft wurde bzw. warum sie zusammengingen

In der Retrospektive wird auch klar, warum EA und Origin nicht wirklich gut zusammenpassten. Richard Garriot erzählt das auch im unten verklinkten Interview. EA hatte damals schon einen recht hohen Output, man brachte z.B. jährlich, sich immer leicht verbessernde, Sportserien und andere Spieleserien wie z.B. Need for Speed raus. Origins Spiele waren dagegen eher "Autorenwerke", die teilweise jahrelang in der Entwicklung waren und auch oft auf, jeweils neu zu entwickelnde, Engines setzten. Richard erzählt, das Origin zwar Nummer 10 im Gaming-Markt war, aber mit zu wenig Titeln, um in den Läden "Regalmeter" zu bekommen. Deswegen musste Origin sich einem größeren Partner anschließen. Origin wurde, sozusagen, Opfer seines eigenen Erfolges und vor allem der Art und Weise, wie sie Spiele machen wollten: Immer High End, immer "Cutting Edge", immer hohe Qualität, aber eben langsam, teuer und mit nur sehr wenigen Serien und Titeln. "We create Worlds" (und keine billige Massenware) 😄.

Die Geschichte, die oft von Origin-Fans erzählt wird, das EA Origin "brutal übernommen" hätte, ist also schlicht falsch. Ich muss zugeben, das ich das vor der Recherche auch dachte. 

Richard Garriot hatte Origin schon 2000 verlassen und hat seit dem mehrere Unternehmen und Projekte im Spielebereich begleitet - Keines davon kam an Origin heran. Chris Roberts widmete sich ebenfalls anderen Projekten, im vergangenen Jahrzehnt besonders seinem Weltraumspiel "Star Citizen", das in guter Gesellschaft zu seinen vorherigen Projekten wie Strike Commander steht, zumindest was Entwicklungszeit und -kosten angeht....Wie bei Origin: Welten erschaffen dauert...😁

Der Astronaut - Richard Garriot

Richard Garriot 2008 (Bildlizenz: Public Domain / Autor: NASA)

Garriot galt schon immer als etwas exzentrisch, so ließ er sich als Mittelalter-Fan z.B. ein Schloss als Wohnsitz errichten. Zeitweise galt er als reichster Unternehmer in der Branche.

Weltweite exzentrische Berühmtheit erlangte er 2008: Er war einer der ersten privaten "Weltraum Touristen" auf der ISS und erfüllte sich damit doch noch seinen Kindheitstraum. Es gibt aber noch weitere Begebenheiten, die seinen Raumflug, zumindest für gewisse Gruppen legendär, machten: Er hatte vorher seine Augen operieren lassen (wir erinnern uns - deshalb musste er als Jugendlicher seinen Astronautentraum begraben) und war der Erste, der nach einer solchen OP ins All flog. 

Er schmuggelte aber auch, eingeschweißt in einer Art Postkarte, Asche des verstorbenen Schauspielers James Doohan ("Scotty" aus Star Trek) ins Columbus Modul der ISS und versteckte sie unter einer Bodenverkleidung, wie der Sohn von Doohan erst Weihnachten 2020 per Twitter offiziell bestätigte

Für Geocacher ist er ebenfalls eine Legende, schließlich platzierte er den ersten "Travelbug" im Weltraum, hinter einer Klappe der ISS - der erste Geocache im All!

Fazit:

Origin war ein wichtiges, prägendes und auch etwas exzentrisches Unternehmen, das maßgeblich zur Entwicklung des PCs als Spieleplattform beitrug. Getragen wurde das Unternehmen durch zwei sehr starke Serien die von zwei ebensolchen Charakteren (Garriot/Roberts) erschaffen wurden. Neben diesen "Leuchttürmen" verblassten andere Spiele und Projekte des Unternehmens etwas, wie etwa System Shock oder Bioforge. Wer heute an Origin denkt, denkt meistens entweder an Ultima oder an Wing Commander/Privateer. Legendäre Spiele eines legendären Entwicklerstudios!


So, wer sich jetzt noch viel tiefer in die Geschichte von Richard Garriot, Ultima und Origin "eingraben" möchte, für den verlinke ich hier mal ein Youtube-Interview, das "Retro Tea Break bzw. RMC - The Cave" 2020 mit ihm geführt hat. Es ist sehr lang (~100min) und auf englisch. Aber allein wenn ihr seht, was Richard so alles an Artefakten in die Kamera hält.... Originale Akalabeth Versionen, Spiele auf Lochstreifen, ein spezielles Ultima nur für den Gameboy, das kein Port ist....unbezahlbar.

Ich stelle nochmal explizit heraus, das ich mit dem eingebetteten Video-Interview nichts zu tun habe, und es keinesfalls als "mein Werk" darstellen möchte. Ich habe es lediglich zu Recherche-Zwecken genutzt, aber auch um bestimmte Aussagen, die ich aus anderen Quellen hatte, zu verifizieren. Richard spricht ein gut verständliches englisch, auch der Interviewer ist hervorragend zu verstehen. Die Kern-Aussagen zur Geschichte von Ultima und Origin findet ihr aber auch im obigen Text. Aber die vielen Details und Anekdoten aus der Spiele-Entwicklung in dem Video sind schon sehr interessant. Besonders wenn er von den Anfängen der Spielebranche berichtet -  Ich sag nur "drogenabhängige Firmenbosse"... 😁   

Video-Interview mit Richard Garriot, geführt vom Youtube Kanal "RMC - Retro Tea Break"

Hinweise: 

Alle Informationen die ich in diesem Firmenportrait verwende, stammen aus öffentlichen Quellen wie Wikipedia-Seiten, (Video-)Interviews, Zeitungsberichten und öffentlich zugänglichen Biographien.  

Alle Screenshots/Cover stammen von Mobygames (https://www.mobygames.com)

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